Weidmanns Heil, Weidmanns Dank

Hundegebell, ein Schuss, dann Stille. Der Jäger horcht auf. Er greift nach seiner Bock Doppelflinte, entsichert, setzt an und wartet mit dem Finger am Abzug.

Im Gebüsch raschelt es, vier Rehe springen aus dem Dickicht und bleiben plötzlich stehen. Der Jäger, nennen wir ihn Geri Meier*, erfasst eines der Tiere durch das Rotpunktvisier, doch er zögert. Wieder ein Schuss, von irgendwo her. Die Rehe rennen erschrocken weiter. Meier sichert seine Flinte und stellt sie an einen Baum. Er zieht seine Pfeife aus der Hosentasche, stopft sie, zündet den Tabak an und pafft. Er sagt gelassen: «Das wars», der Schuss eines anderen Jägers habe die Tiere verscheucht. «Das Tier muss auch eine Chance haben», findet er und zieht genüsslich an seiner Pfeife. Es gibt es noch einen Grund, warum er nicht abgedrückt hat. Die Rehe standen zu nahe beieinander. Die Gefahr, dass eines der Rehe vom Randschrot getroffen wird und dann einige Tage später an den entzündeten Verletzungen eingeht, war zu gross. Wird das Tier mit Schrot richtig getroffen, stirbt es sofort an einem Schock. Danach wird das Tier «aufgebrochen», die Innereien sofort entfernt, da diese Gase bilden und der Qualität des Fleisches schaden. «Mir macht die Jagd Spass», sagt der Jäger, er habe keine Mühe mit Abdrücken, doch wenn er es tue, wolle er sicher sein, das er richtig treffe. Das Tier müsse sofort tot sein. «Ich bin nicht schiesswütig, das ist keiner von uns». Meier ist der stellvertretende Obmann einer Jagdgesellschaft und Jagdleiter der Treibjagd an diesem Tag.

Im Wald stehen vierzehn Jäger auf ihrem Posten, sechs Treiber und die Hunde treiben das Wild auf die Jäger zu. Es ist Ende Oktober, die Nebeldecke hält sich, lässt der Sonne kaum eine Chance. Die klare Waldluft vermischt sich mit dem würzigen Tabak aus der Pfeife. Das Hundegebell verklingt in der Ferne. Die Vögel haben wieder zu zwitschern begonnen und von der nahen Weide her sind Kuhglocken zu hören. Auch wenn die Rehe davon gekommen sind, die vorgegebene Abschussrate muss erfüllt werden. Der Kanton lege anhand der Zählungen und Beobachtungen von Jäger und Wildhüter die Abschusszahlen für die Treibjagd im Gebiet der Jagdgesellschaft fest, sagt der Jäger. Wenn man kein Wild mehr abschiesst, würde es zu einer Überpopulation kommen und die Seuchengefahr würde steigen. «Wir hatten das Theater schon mal, mit der Tollwut», sagt er. Hinzu kommen die «Verbisse», die abgefressenen Jungtannen. Es gäbe Förster, die am liebsten keine Rehe mehr im Wald hätten. Der Mann in Grün nimmt sein Signalhorn bläst zum Ende der Jagd. Als Antwort erhält er Hornsignale aus jeder Ecke des Waldes. Er entlädt seine Flinte, schultert sie im «gebrochenen», also im geöffneten Zustand und macht sich auf den Weg. An einem vereinbarten Ort treffen sich die Jäger, um eine Bilanz zu ziehen. Nach einem Tag Treibjagd kann die Jagdgesellschaft mit fünf Rehen und zwei Füchsen glänzen. Bevor die Rehe nun bei einem Metzger ins Kühlhaus gehängt werden, wird den Tieren als Zeichen des Respekts ein Tannenästchen ins Maul geschoben, dem Tier wird der letzte Biss gewährt.

*Geri Meier steht stellvertretend für den Mann, den ich bei der Jagd begleitet habe. Bei der Jagdgesellschaft handelt sich um eine aus dem Toggenburg.
©Melanie Graf

 

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