Das lange Warten auf den Einsatz

Hägar, Gino, Lionel, Aladin, Santiago, Lollipop, Hercules: Dies sind nur einige wenige Namen der  strammen Herren im Wartebetrieb der Swissgenetics in Bütschwil. Rund 180 vielversprechende Zuchtstiere warten dort auf einen Einsatz als Samenspender.

Sicherheit und Hygiene ist das oberste Gebot von Franz Arnold. Er ist Betriebsleiter und Stierenpfleger im Wartebetrieb der Swissgenetics in Bütschwil. Seine Stiefel sind mit Stahlkappen ausgerüstet. In seiner Tasche befindet sich ein Pfefferspray. Besucher, wenn denn welche auf den Betrieb dürfen, müssen «Schuhpariser» über ihre Schuhe ziehen. Eine eingeschleppte Krankheit oder Seuche auf dem Betrieb wäre fatal. Der Maschendrahtzaun, der das Gelände umzäunt, soll demnächst sogar wildtiersicher werden.

Franz Arnold bewirtschaftete 20 Jahre lang das Land um das Kloster Wattwil. Seit Februar 2010 arbeitet er als Stierenpfleger in Bütschwil. Zusammen mit zwei Kollegen, einer Aushilfe und dem Lehrling betreut er die rund 180 Stiere auf dem Wartebetrieb.

70 der grössten und imposantesten Stiere sind im Stall vier zuhause. Im Jahr 2008 erbaut, ist er der modernste der fünf Ställe auf dem Betrieb. Das ganze Stallteam ist besonders Stolz auf dieses Bauobjekt. Der Offenstall ist hell, verfügt über eine Mistschieberanlage und beheizbare Tränken. «Falls das Wasser doch mal einfrieren sollte, wird ein Alarm ausgelöst», sagt er. Die Stiere sind zu zweit oder alleine in einem Abteil mit Hochboxen. «Die Stiere die sich eine Box teilen, waren zuvor zusammen in der Aufzucht», erzählt der Stierenpfleger. Es wäre fahrlässig, zwei fremde Stiere zusammenzutun. Das könnte gefährlich werden.

Die Stiere sind in den zwei parallel gegenüberliegenden Fressgittern zum Tenn eingesperrt und fressen Heu. Dieses steht ihnen jederzeit zur Verfügung. Ihr Menüplan wird genau berechnet. Die Stiere dürfen nicht verfetten. Das würde sich auf die Qualität der Spermien und die Klauengesundheit auswirken. Die Fressgitter sind eine Spezialanfertigung. Herkömmliche Absperrgitter wären in kurzer Zeit verbogen.

Tag und Nacht, Sommer und Winter bleiben die Tiere im Stall. Jeder der fünf Ställe ist mit vorschriftsgemässen Ausläufen gebaut worden Ein Weidegang ist nicht möglich. Dieser spreche gegen die Sicherheit und die Hygieneansprüche, so der Pfleger. Nur für einen Umzug und zum Klauenschneiden werden die Stiere aus der Box geführt. «Und dazu sind wir immer zu zweit», sagt Franz Arnold. Dank der abgestimmten Fütterung und der guten Klauengesundheit, ist eine Klauenpflege nicht mehr als zweimal im Jahr nötig.

Wenn ein Stier aus der Box geführt wird, verwenden die Pfleger aus Sicherheitsgründen eine lange Stange, die am Nasenring befestigt wird. Diese Stange erlaubt ihnen, Abstand halten zu können und dem Stier wenn nötig den Kopf nach oben zu drücken. «Ein Stier, der seinen Kopf tief hält, hat mehr Schub», weiss Franz Arnold. Er und sein Kollege Toni Scherrer führen den Brown Swiss Stier Gino an einer langen Halfter und mit Hilfe der Stange durch das Tenn nach draussen. Begleitet wird das Trio durch das laute Brüllen der anderen Herren, die spüren, dass etwas vor sich geht. Franz Arnold führt den Stier in den Klauenstand. Lammfromm läuft Gino hinein. Die Fangvorrichtung am Vorderausgang wird verschlossen, die Bauch- und Leistengurte angebracht. Franz Arnold fixiert Ginos rechtes Vorderbein an der Winde. Zusätzlich fixiert er Ginos rechtes Hinterbein, damit der Stier bei der Klauenpflege nicht nach vorne ausschlagen kann. Wie alle Pfleger auf dem Betrieb, ist auch Franz Arnold ausgebildeter Klauenpfleger. Er greift zum Winkelschleifer und lässt die Späne fliegen.

«Ein Stier, der seinen Kopf tief hält, hat mehr Schub.»

Nach der Prozedur werden die Fixierungen gelöst. Toni Scherrer bringt die Führerstange am Nasenring an und öffnet die vordere Fangvorrichtung. Dann bringen die beiden Gino wieder in den Stall.

Der Klauenstand, den Gino verlassen hat, ist eine Spezialanfertigung: grösser, stabiler, massiver. Der Hof verfügt über einen beheizbaren Klauenpflegeraum mit einer Schutzzone. «Im Falle des Falles können die Pfleger durch die Stahlpfosten in Sicherheit schlüpfen», sagt Franz Arnold. Für ihn ist klar, dass jeder der mit einem Stier arbeitet, einen Fluchtweg im Auge behalten sollte.

Das Arbeiten auf dem Betrieb der Swissgenetics erfordert hohe Konzentration. Beinahe-Unfälle passieren meist nur mit kleineren Stieren, vorallem wen man «noch schnell» etwas erledigten wolle. Bei grossen und hitzigen Tieren gehe man viel konzentrierter an die Sache, sagt er.

Die jüngsten Stiere sind etwa 18 Monate alt. Beim Übertritt nach Bütschwil werden sie in Achtergruppen gehalten. Je älter die Stiere werden, desto deutlicher kristallisiert sich die Rangordnung in der Gruppe. Franz Arnold zeigt, wie sich herausfinden lässt, welchen Charakter ein Stier hat. Die Jungstiere in den Absperrgittern weichen zurück, als er nahe an ihren Köpfen vorbeigeht und sie berührt. Nur der Letzte in der Reihe weicht nicht zurück. «Dieser hier ist dominant». Es müssen immer wieder Stiere aus der Gruppe entfernt werden, weil die Harmonie nicht mehr stimmt. Diese Stiere werden dann im Stall 4 einzeln aufgestallt.

Der Landwirt kennt alle Tiere auf dem Betrieb, kennt ihren Charakter. Er weiss, welcher Stier den «Boss» heraushängt und welcher sich unterordnet. Rund 40 Prozent sind Brown Swiss-Stiere, 40 Prozent Red Holstein und etwa 20 Prozent sind Mastmunis wie Angus und Limousin. «Keine Rasse ist aggressiver als die andere», bemerkt er. Aggressiv seien Stiere selten. Trotzdem verkneife er sich bei jedem Tier das «Flattieren», sagt Franz Arnold und erklärt, die Stiere wollen auch «flattiert» werden und «spielen», wenn sie gross sind. «Und das ist gefährlich».

«Stiere wollen auch flattiert werden, wenn sie gross sind. Und das ist gefährlich.»

Jeder der Munis hat ein grosses Potenzial. Sire Analysten (Scouts, «Talentsucher») der Swissgenetics kaufen vielversprechende zweimonatige Stiere ein. Bevor sie nach Bütschwil gebracht werden, gehen sie nach Langnau bei Reiden in die Aufzuchtstation. Die Aufzuchtphase beginnt mit einer Eintrittsquarantäne.

Im Alter von etwa 13 Monaten werden die Tiere auf die Produktionsstation im aargauischen Mülligen verstellt. Es folgt nun die Samenproduktion mit den Jungstieren. Zu Beginn ist dies nicht sehr ergiebig, manchmal gibt es nur knapp 100 Samendosen pro Sprung. Im Durchschnitt geben die Stiere aber rund 300 Dosen pro Sprung. Die Züchter können diese Dosen dann für ihre vielversprechende Zuchtrinder und Kühe einsetzen. Im bernischen Ins befindet sich seit kurzem eine Empfängerherde der Swissgenetics. Den Rindern werden mit Hilfe des Embryotransfers Embryonen eingepflanzt.

Nach Ende der ersten Samenproduktion kommt ein Teil der Jungstiere nach Bütschwil in die Wartehaltung. Und warten. Lange. Die Zuchtwerte ihrer Töchter entscheiden über Leben oder Tod der Samenspender. Pro Stier werden rund 50 Töchter ausgewertet. Etwa 20 bis 30 Stiere aus der Wartehaltung in Bütschwil schaffen die Reise als Einsatzstier zurück nach Mülligen.

©Melanie Graf

 

Einfache Mechanisierung

Der Betrieb der Swissgenetics in Bütschwil umfasst 12, 6 Hektaren Grünfläche. Dies reicht bei weitem nicht, die Stiere durchzufüttern. 700 Tonnen Heu und 150 Tonnen Stroh werden zugekauft. Rund 1400 Kubikmeter Gülle und 1500 Kubikmeter Mist werden weggeführt. Die Mechanisierung ist einfach. Gemistet wird mit einem Bobcat. Ein Lohnunternehmer mäht die Wiese, daraus werden Siloballen gepresst. meg.

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