Das Leben den Eseln gewidmet

Die Esel im Eselparadies in Gähwil hatten nicht alle ein schönes Leben. Doch bei Willi Steffen und Nigel Carey finden sie Zuneigung und Geborgenheit. Ein Besuch.

Nigel Carey betritt den hellen Stall. Sofort stellen die Esel ihre Ohren und nähern sich neugierig. Er greift in einen Sack mit «Gutzis» und füttert die Tiere, die ihm erwartungsvoll die Nüstern entgegenstrecken. «Du verwöhnst sie zu sehr», sagt Willi Steffen lachend. «Sie haben es ja auch verdient», entgegnet ihm Nigel Carey, sie sollten es doch so schön wie möglich haben. Willi Steffen stimmt ihm zu. Die meisten Esel hätten sie gerettet. Sie kämen von einer schlechten Haltung, seien vernachlässigt worden oder hätten zum Metzger gebracht werden sollen. Jeder der Esel hat Willi Steffen bezahlt. Schenken lassen wolle er sich keinen. «Ich möchte, dass die Esel auch wirklich uns gehören.» Weiterverkaufen würde er seine Esel schon gar nicht. «Hier im Eselparadies haben die Tiere einen Lebensplatz gefunden.» 17 Esel umfasst die Herde. Mehr sollen es nicht werden, darum sind alle Hengste kastriert. «Jetzt haben die Tiere genügend Platz und dies soll auch so bleiben.»

Im März sind es vier Jahre seit dem Umzug vom zürcherischen Greifensee nach Gähwil. 30 Jahre lang lebten sie dort auf einem kleinen Bauernhof direkt am See. Willi Steffen hielt Ziegen und Schafe. Irgendwann kamen zwei Esel dazu. Nach und nach wurde die Eselherde grösser. Inspiriert durch The Donkey Sanctuary gründeten die beiden das Eselparadies. The Donkey Sactuary ist eine Tierschutz-Organisation. Sie wurde vor 45 Jahren von Elisabeth Svendsen in Sidmouth, in der Grafschaft Devon im Südwesten Englands gegründet und ist weltweit tätig. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, misshandelten Eseln und Maultieren ein besseres Leben zu schenken.

Den Hof in Greifensee hätten die beiden kaufen wollen, doch die Besitzerin – die Gemeinde Greifensee – hatte andere Pläne. Also suchten sie sich ein neues Zuhause und wurden in Gähwil fündig.

Willi Steffen arbeitet Vollzeit in Zürich als Autolackierer. Er steht um 4 Uhr morgens auf, geht in den Stall und kümmert sich um die Esel, bevor er zur Arbeit fährt.

«Hier zählt nicht die Leistung eines Tieres. Sie alle dürfen hier einfach Zuhause sein.»

Nigel Carey arbeitete in der Gastronomie, bevor er krank wurde. Er leidet unter einem seltenen Gleichgewichtssyndrom (SCDS) und weiss nicht was ihm gesundheitlich noch bevor steht. Von diesen Zukunftsaussichten lässt sich Nigel Carey nicht einschüchtern. Gewiss, im fehle die Kraft für die körperliche Arbeit und könne Willi kaum unter die Arme greifen. Die Tiere aber täten ihm gut. Der Umgang mit ihnen steigere seine Lebensqualität und wirke fast besser als die Medikamente, die er einnehmen müsse, sagt der gebürtige Engländer. Also verwöhnt er die Esel mit Streicheleinheiten, kümmert sich um die Hühner, Gänse und Enten und sorgt für die Handvoll Quessant- und Coburger Fuchsschafe. Auch die beiden Hunde und die Katzen kommen nicht zu kurz. «Hier zählt nicht die Leistung eines Tieres. Sie alle dürfen hier einfach Zuhause sein», sagt Nigel Carey.

Willi Steffen wird in sechs Jahren pensioniert. Dann wolle er Eseltrekking anbieten, erzählt er. Sollte es das Schicksal aber nicht gut meinen, Nigel oder ihm etwas zustossen, dann wären die Leben der Esel abgesichert. The Donkey Sanctuary in Turin wird sie abholen und weiter umsorgen.

Ein paar Esel haben den Stall verlassen und tummeln sich auf dem Laufhof. Wenn es das Wetter zulässt, dürfen sie auch für ein paar Stunden auf die Weide. Willi Steffen bringt den Eseln ein paar frische Tannenäste. Genussvoll knabbern sie daran.

«Esel sind Fressmaschinen die ihren Bauch pausenlos mit eiweisshaltigem Gras vollschlagen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben.»

Warum gibt es so viele vernachlässigte Esel? Willi Steffen überlegt. Dann sagt er: «Oft werde ein Esel nur als Beistelltier zu einem Pferd gesellt. Oder sie überfressen sich und werden dick und krank. Eselhaltung setzt Wissen voraus.» Eselhaltung sei nicht ohne. Obwohl sie wie Pferde auch zur Familie der Equiden gehören, dürfe man sie nicht einfach auf eine Wiese stellen und sich selber überlassen. «Esel sind Fressmaschinen die ihren Bauch pausenlos mit eiweisshaltigem Gras vollschlagen, wenn sie die Möglichkeit dazu haben». Und das tue den Eseln nicht gut. Schmerzhafte Hufrehe sei oft die Folge.

Der Esel ist eines der ältesten Haustiere. Es wird vermutet, dass bereits 4000 Jahre vor Christus im alten Ägypten Wildesel domestiziert wurden. Seit jeher wurden die Tiere hauptsächlich zum Tragen und Ziehen von Lasten gehalten. Esel sind sich karges Weideland in trockenen Ländern gewohnt. Darum wird auch im Gähwiler Eselparadies darauf geachtet, dass die Tiere sich nicht auf der Wiese überfressen. Im Sommer bekommen sie viel gutes Stroh und im Winter faseriges Ökoheu. Esel fressen aber nicht nur Stroh und Heu, sondern sie verschlingen auch Unmengen an Geld.

Der Betrieb ist zwar auf dem Landwirtschaftsamt gemeldet, aber Direktzahlungen beziehen die beiden nicht. Der Mist muss abgeführt und das Futter zugekauft werden. Alle zwei bis drei Monate kommt der Hufschmid. Auch der Tierarzt ist regelmässiger Gast auf dem Hof. Fast der ganze Lohn, den Willi Steffen nach Hause trägt, fliesst in die Pflege der Esel.

«Geld hat für mich keine Bedeutung. Es muss zum Leben reichen und das tut es auch», sagt er. Geld sei für ihn zwar nicht wichtig, aber es werde dennoch benötigt, damit es den Tieren gut gehe. Willi Steffen freut es, dass sie Anfragen von Interessierten bekommen haben, die gerne einen Beitrag leisten würden. Daher böten sie die Möglichkeit an, für einen Esel eine Patenschaft zu übernehmen. Dabei spiele es keine Rolle, wie hoch der Betrag ausfalle. «Für uns zählt jeder Rappen», sagt er. Besuche auf dem Hof stehen allen Interessierten offen: Ob für Familien, Schulen oder Institutionen für Menschen mit einer Behinderung und Senioren. «Und wenn jemand Zeit und Lust habe, sich ehrenamtlich auf dem Hof zu betätigen ist er herzlich willkommen», fügt er hinzu.

©Melanie Graf

www.eselparadies.ch

 

(K)ein dummer Esel

Wer sich blöd und störrisch anstellt, wird oft als Esel bezeichnet. Das Schimpfwort wird allerdings zu unrecht benutzt. Denn Esel sind intelligenter als man vermutet. Ein Esel analysiert die Situation und flieht nicht Hals über Kopf wie ein Pferd. Anders als Pferde, die ursprünglich in der flachen übersichtlichen Steppe beheimatet waren, stammen Esel aus steinigem Gebirge. Eine rasante Flucht hätte eventuell Knochenbrüche zur Folge. Der Esel überlegt, ob es sich überhaupt lohnt wegzulaufen. Und anders als bei Pferden gibt es in Eselherden keine Hierarchie, keinen Chef. Ein Esel ist es gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen. Nicht immer zur Freude des Menschen. meg.

 

 

 

 

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