Reeperbahn

Auf der Reeperbahn…

 

Seile und Stricke werden heute noch in der Landwirtschaft benötigt. Mit ihrer industriellen Herstellung verschwanden aber die Seilereien zunehmend. In Winterthur gibt es noch eine, die nach alter Tradition Seile und Stricke herstellt.

In der Nähe des Stadtzentrums, an der Breitestrasse, steht einer der ältesten Handwerksbetriebe der Stadt Winterthur. Seit 1878 werden in der Seilerei Kislig Seile und Stricke hergestellt. «Bitte nicht klopfen», steht an der Tür. Der Holzboden knarrt unter den Füssen. Im Gebäude ist es kalt. Fast so kalt wie Draussen. An diesem Tag sind es ein paar Grad Minus. Der von aussen unauffällige Holzbau entpuppt sich als 100 Meter langes Gebäude, das sich zwischen Gärten und Einfamilienhäuser hindurch zwängt. Überall an der Decke hängen Stricke und Seile, alte Maschine säumen den langen Gang, fast bis zum Ende. Von 1927 bis 2002 war die Seilerei im Besitz der Familie Kislig. Martin Benz hatte einst Zimmermann gelernt und durch Zufall die Freude an der Seilerei entdeckt. Also ging er damals 28-Jährig bei Albert Kislig als Seiler in die Lehre. Heute ist der 46-Jährige Inhaber des Geschäfts.

Die Seilerei hat sich seit ihrer Gründung vor fast 140 Jahren nicht stark verändert. In der Schweiz ist sie die letzte ihrer Art. Martin Benz nennt sich noch immer Seiler. Die Berufsbezeichnung ist jedoch veraltet. Textiltechnologie mit Fachrichtung Seil und Hebetechnik EFZ ist korrekt. Trotz der modernen Berufsbezeichnung stellt Benz die Seile noch immer wie vor 100 Jahren her.

Martin Benz führt ins Büro. Dort brennt Holz in einem kleinen Kachelofen. Sein Büro ist auch ein Ort, an dem viel Handarbeit geleistet wird. Hier werden beispielsweise die Enden der Stricke und Seile mit dünnen Litzen umwickelt, damit sie nicht ausfransen.

Das Telefon hat eine Wählscheibe. Auf dem Tisch steht ein Laptop. «Wir sind die einzige Seilerei in der Schweiz, die über einen Onlineshop verfügen», sagt Benz lachend.

«Vor 40, 50 Jahren», sagt Benz, «stellte diese Seilerei noch viele Seile und Stricke für die Land- und Forstwirtschaft her.» Garbenbändchen, Seile für Fuhrwerke und Lediwagen beispielsweise. Transportgüter dürfen heute nicht mehr mit Seilen oder Stricken auf den Traktoren und Anhängern befestigt werden. Heute seien Zurrgurten Vorschrift, sagt Benz. Dann führt er in den Laden.

Hier hängen Stricke und Seile, Netze, Taschen, Fäden auf Spulen, Schnüre. Hundeleinen, Hundespielzeug. Taue. «Die Landwirtschaft bildet heute nur noch ein kleines Segment», sagt er. Er stelle beispielsweise noch Heunetze für Pferdehalter her. Oder Halftern und Führerseile für Viehschauen. Meist sind es Spezialanfertigungen. «Ein Schafhalter, der mit seinen Tieren an die Schau ging, bestellte weiss-blaue Halftern für seine Tiere», erzählt Benz, «damit er seine Tiere wieder unter den vielen anderen Schafen erkennen konnte.»

Der Bauer von heute kaufe seine Halftern und den Kalberstricke in der Landi, sieht es Benz realistisch. «Mit dem Landi-Sortiment kann ich nicht mithalten. Aber das will ich auch nicht.»

Die Stricke, die in der Landi zum Verkauf stehen, werden auch in der Schweiz hergestellt. Der grösste Teil stammt von der Firma Meister & Cie AG in Hasle-Ruegsau. Die Firma entwickelt und produziert Textilgeflechte im grossen Stil. Aber auch in der Landi werden nicht mehr so viele Seile und Stricke wie beispielsweise vor 20, 30 Jahren verkauft. «Einerseits gab es Veränderungen von Seiten Landwirtschaft, wie etwa in der Tierhaltung, beispielsweise Freilaufställe, sowie Änderungen in der Materialverwendung», sagt Heidi Niederberger Landi-Mediensprecherin auf Anfrage. Seile wurden in gewissen Bereichen auch durch andere Produkte, wie beispielsweise Zurrgurten abgelöst. Den meisten Umsatz macht die Landi mit Schwanzschnüren und Kuhhalftern.

«Ich produziere Seile und Stricke, die niemand mehr sonst herstellt.»

Obwohl viele Seile durch andere Produkte abgelöst wurden, hat Benz genügend Arbeit. Zu seinen Kunden gehören beispielsweise Museen und Besitzer von alten landwirtschaftlichen Geräten, die diese revidieren wollen. Oder Uhrenmacher, die spezielle Schnüre für den Uhrenantrieb benötigen.

Weiter bestellen Artisten, Theater, Spielplatzbauer, Kindergärten und Pfandfinder Seile und Stricke bei ihm.

«Bei mir gibt es nichts serienmässig. Meist sind es Spezialanfertigungen», sagt er und bringt es auf den Punkt: «Ich produziere Seile und Stricke, die niemand mehr sonst herstellt.»

Die Spinnereien liefern ihm die Litzen (Fäden) auf Spulen. Mit Hilfe von Seilschlagmaschinen, die in der langen Werkstatt stehen, werden die einzelnen Litzen miteinander verdreht oder geschlagen. Diese zusammen gedrehten Litzen werden wieder auf einer Maschine verdreht. So entsteht ein einfacher Strick. Das Ende wird mit einer feinen Litze umwickelt. Meist im Büro, an der Wärme.

Meist sind es Seile und Stricke aus Naturfasern. Weiche Baumwollseile für Artisten und Kindergärten, Sisal- und Kokosseile für den Gartenbau, Manila- und Abakaseile für Zoos. «Es gibt noch einige Mühlen, die binden die Säcke mit feinen Stricken aus Jute zusammen», sagt Benz. Die meisten Stricke und Seile sind aus Flachs. Der Seiler kann aber auch Drahtseile und Kunstfaserseile für Sportler herstellen. Seile aus Natur- und Kunstfasern haben je Vor- wie Nachteile: «Naturfasern halten sehr lange, solange sie trocken sind. Bei Kunstfasern hingegen ist Sonnenlicht ein Problem. Die Fasern werden brüchig.»

Die Türe geht auf. Ein Kunde betritt das Gebäude. Arbeit ruft. Der Seiler durchquert das Gebäude mit langen Schritten.

©Melanie Graf

Die Seilerei kann besichtigt werden. Mehr Informationen unter www.seile.ch

 

Reepschläger und Reeperbahn

Seile und Stricke hatten in der Landwirtschaft eine grosse Bedeutung. Ebenso im Bergbau, Fischerei und in der Schifffahrt. Den Beruf Seiler oder auch Reepschläger gibt es seit Schiffe die Meere befahren. Das wohl älteste Seil fand man bei Ausgrabungen in Ägypten – es ist um die 3300 Jahre alt. Reep ist ein altes Wort für Schiffstau. Der Arbeitsplatz eines Reepschlägers wird im niederdeutschen als Reeperbahn bezeichnet. Weltweit bekannt ist die Reeperbahn in Hamburg, eine, zu einer Strasse umgebauten Reepe. meg.

Lust auf mehr Einblicke? Wie wärs mit einer Reportage über das Stihl-Motorsägenkettenwerk in Wil?

 

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