Altersbeschränkung

«Bambi» und andere Horrorgeschichten

«Die Schaufensterpuppe schwang herum. Ihr Kopf klappte zur Seite weg und gab den Blick auf ein rotes Tuch frei, das ihr fest um den Hals gezurrt war. Revas Blick wanderte zum Gesicht der Schaufensterpuppe hinauf. Das war keine Schaufensterpuppe! Traci! Reva konnte den Blick nicht lossreissen von den hervortretenden Augen, dem roten Tuch das fest um Tracis Hals geknotet war und dem weit geöffneten Mund – verzogen zu einem stummen Schmerzensschrei.»

Diese Passage stammt aus einem Jugendbuch der «Fear Street» –Reihe. Diese Romane aus dem Horror-Thriller-Genre handeln von Jugendlichen und werden von Jugendlichen ab 12 Jahren gelesen, nicht selten sind die Leser aber auch jünger. Im Krimi-Forum schreiben die Leser ihre Meinung über diese Bücher. Sie fallen meist begeistert aus: «Wenn ich sie lese, läuft mir andauernd ein Schauer über den Rücken und wenn ich dann einschlafe, denke ich nur an das Buch, weil es so spannend war.» Oder: «Ich lese sie meist abends, dann sind sie noch besser.» Oder: «Ich war überwältigt und hatte Hunger nach mehr.»

Viele Kinder und Jugendliche packt mit solchen Büchern die Lust am Gruseln und sie bekommen Hunger nach «mehr». Dann könnte es möglich sein, dass die Kinder den Eltern einen Thriller aus dem Regal stibitzen. Hat das Lesen eines Erwachsenenbuches dieses Genres Konsequenzen auf ihre Psyche? «Häufig legen sie das Buch von selbst zur Seite, weil sie es unangenehm finden oder gestresst sind. Dann reguliert sich das von selbst», sagt Suzanne Erb, Kinder- und Jugendpsychiaterin und –psychotherapeutin und Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St. Gallen. Grundsätzlich sei es wichtig festzuhalten, dass es die Aufgabe der Eltern sei, ihre Kinder vor Überforderung zu schützen. Sie sollten sich erkundigen, was ihr Kind lese, sagt Suzanne Erb weiter.

Kinder und Jugendliche haben auch die Möglichkeit, ihren Lesestoff in Buchhandlungen oder Bibliotheken zu besorgen. Für Bücher gibt es keinen Jugendschutz. Aber man ist vorsichtig. «Verlage geben Altersempfehlungen ab. Kinder- und Jugendbücher sind in den Buchhandlungen meist nach Altersempfehlung geordnet. In den Bibliotheken sind die Bücher ebenfalls je nach Alter gekennzeichnet. Wie streng die Ausleihe gehandhabt wird, liegt meist im Ermessen der Bibliothekarin», sagt Marianne Sax, Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands. Dem schliesst sich Thomas Wieland, Stellvertreter der Kantonsbibliothekarin der Kantonsbibilothek Vadiana in St. Gallen an. «Selbstverständlich wird aber in den öffentlichen Bibliotheken sowohl beim Medieneinkauf als auch bei der Aufstellung darauf geachtet, dass keine jugendgefährdenden Publikationen in die Hand von Kindern- und Jugendlichen geraten», sagt er.

Was bei Büchern auf Empfehlungen basiert, wird beim Filmen von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) überprüft. Die FSK-Kennzeichnungen sind keine pädagogischen Empfehlungen, sondern sollen sicherstellen, dass das körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern und Jugendlichen einer bestimmten Altersgruppe nicht beeinträchtigt wird. Seit dem 1. Januar 2013 weisen übrigens alle Filme in allen Schweizer Kinos eine einheitliche Altersempfehlung auf, welche sich entweder an der Altersempfehlung von FSK orientiert oder von der Kommission Jugendschutz im Film vergeben wird.

Trotz FSK-Kennzeichnungen, die auch auf DVD’s und Blue-Ray’s angebracht sind, halten sich viele Jugendliche bei einem «sturmfreien» Abend nicht daran und gucken einen «verbotenen» Film. Gemeinsam mit Kollegen machen sie vielleicht einen Horrorfilmabend oder gucken sich einen solchen Film als Mutprobe an. Was nun, wenn die kleinen Geschwister mitschauen? «Je nach Entwicklungsstand des Kindes kann dieses zwischen inszenierter und realer Gewalt nicht unterscheiden. Diese Fähigkeit erwirbt es im Laufe der individuellen Entwicklung», sagt Suzanne Erb. Entscheidend sei aber die Wirkung, die solche Gewaltszenen auf die kindliche Psyche haben.

Hat sich das Kind einen solchen Film angesehen und reagiert mit Angst, sollten sich die Eltern ihrem Kind annehmen. «Trösten, darüber sprechen, beruhigen, indem Eltern dem Kind sagen, dass das ja nur im Film war», rät Suzanne Erb. Wenn es ganz schlimm sei, könnte man das Kind die bedrohliche Szene zeichnen lassen und dann miteinander einen Weg finden, wie sie verbannt werden können. Zum Beispiel im Garten vergraben, verbrennen, als Schiffchen den Bach runterlassen, mit einem Ballon davonfliegen lassen. Wichtig sei, dass das Kind verstehe, dass die Eltern für das Kind da seien und es beschützen, so die Kinder- und Jugendpsychiaterin weiter.

Kinder müssen vor brutalen Szenen in Filmen geschützt werden. Viele Kinderfilme sind aber grausam und so traurig, dass sie manch einem Erwachsenen die Tränen in die Augen treiben. Man denke nur an den Disney-Streifen «Bambi». Das Hirschkalb (oh Ja, Bambi ist ein Weissedelhirsch), das durch die Kugel eines Jägers seine Mutter verliert. «Der Verlust der Eltern ist eine Schreckensvorstellung, mit der sich ein Kind auch ohne solche Filme auseinandersetzt», sagt Suzanne Erb. Durch die Einbettung in die Geschichte bekomme es die Möglichkeit, sich dem Thema zuzuwenden und verschiedene Möglichkeiten des Umgangs damit bildhaft kennenzulernen. «Manchmal ist das tatsächlich sehr traurig», gibt Suzanne Erb zu, doch wichtig sei, dass die Eltern und Bezugspersonen mit dem Kind im Gespräch über die medialen Inhalte bleiben und es in der Auseinandersetzung begleiten.

Märchen sind beliebt und werden oft als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Könnten die Märchen der Gebrüder Grimm beispielsweise nicht auch schlechte Träume verursachen? «Hänsel und Gretel», die sich im Wald verlaufen und in die Fänge einer bösen alten Hexe gefangen geraten. «Volksmärchen behandeln wichtige Themen der Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen: Das Gewinnen einer positiven Lebensperspektive trotz Widrigkeiten und Belastungen, das Erlangen von Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die Zuversicht, auch als Schwächere gewinnen zu können, das Vertrauen auf eigene Stärken und Fähigkeiten und vieles mehr», erklärt Suzanne Erb. Dazu gehöre auch der Umgang mit heftigen Gefühlen wie Hass, Ablehnung und Gewaltfantasien. Märchen seien als symbolische Geschichten angelegt und werden von den Kindern auch unwillkürlich so verstanden: Die eigene Wut, die eigene Grausamkeit oder die eigene Hoffnungslosigkeit werden durch die Auseinandersetzung mit der Hauptfigur abgehandelt und überwunden. «Die Bilder, die beim Zuhören im Kopf des Kindes entstehen, sind seine eigenen, die Geschichte, wenn sie für das Kind bedeutungsvoll ist, wird zu seiner eigenen», so die Kinder- und Jugendpsychiaterin. «Darum verkraftet es diese nicht nur, sondern kann auch daran wachsen.»

©Melanie Graf

 

Machen Horrorgeschichten aggressiv?

«Aggressivität kann entstehen, wenn Kinder innerlich von den Horrorgeschichten gestresst sind und womöglich deswegen auch noch schlecht geschlafen haben. Vor allem aber dürften sie unzufrieden sein, wenn sie stundenlang vor dem Fernseher gesessen haben», sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Suzanne Erb. Bei der Schädlichkeit von Medien scheint ihr wichtig, was wegen des Medienkonsums nicht stattgefunden hat. Nämlich, dass Kinder die viel Medien konsumieren in dieser Zeit nicht mit den Eltern reden, mit Gleichaltrigen spielen, nicht lesen und dass ihnen kaum mehr vorgelesen werde. «Das Vorlesen von auch längeren Geschichten ist eine ausserordentlich wertvolle Alternative zum Medienkonsum», sagt sie weiter. Sie stärke die Beziehung zwischen Eltern und Kind und fördere die Aufmerksamkeitsleistung des Kindes, seine Fantasietätigkeit und die Fähigkeit, über das Ohr aufzunehmen (auditive Wahrnehmung und Merkfähigkeit). meg.

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