Räbeliechtliumzug

Das Geheimnis der Lägelisnacht

In Flawil ziehen jährlich 800 Kinder durch Flawils Strassen und feiern die Lägelisnacht. Um den Ursprung des Brauchs ranken sich viele Geschichten und Legenden. Eine Spurensuche.

Es ist ein kalter Novemberabend. Ein Dienstag. Die Geschäfte haben gerade geschlossen, da gehen im Dorf die Lichter aus. Am Strassenrand versammeln sich viele hunderte Menschen. Sie stehen in der Dunkelheit und warten. Aus der Ferne sind Pauken und Trompeten zu hören, die sich langsam nähern. Auf die Musikanten und die Fackelträgern folgen die Kinder. Die Schaulustigen applaudieren, wenn die Kinder mit ihren leuchtenden Leiterwagen vorbeiziehen. Die Leiterwagen sind mit Tannenreisig und ausgehöhlten Räben und Kürbissen geschmückt, die deren Innern Kerzen brennen und die Räben leuchten lassen. Rund 800 Schulkinder tragen zum Gelingen der Lägelisnacht in Flawil bei, einem der grössten Räbeliechtli-Umzug der Schweiz.

Das Spektakel findet jedes Jahr statt. Immer an einem Dienstag. Und immer ist es der Dienstag nach St. Otmar.

Woher der Brauch stammt, weiss man nicht so genau. Es sind aber die Geschichten und die Legenden, die dem Brauch etwas Geheimnisvolles verleihen.

Eine der ältesten Legenden erzählt die Geschichte des ersten Abtes des Klosters St. Gallen. Man zählt das Jahr 759. Abt Otmar widmete sich voller Hingabe der Pflege von Kranken und Armen. Die karikativen Werke des Abtes, die Verbundenheit zu dem allemannischen Volk und die Selbständigkeit des Klosters, waren den fränkischen Grafen Warin und Ruthard aber ein Dorn im Auge. Es kam zu einem Konflikt zwischen den Grafen und dem Kloster. Dazu kamen Ansprüche des Bischofs Sidonius von Konstanz. Dieser wollte das Kloster St. Gallen seinem Bistum unterstellen. Die Grafen Warin und Ruthard aus dem Thurgau, fanden einen Weg, den Abt loszuwerden. Sie intrigierten, nahmen ihn gefangen und beschuldigten ihn eines Sittlichkeitsverbrechens. Er wurde vor Gericht zum Hungertod verurteilt. Das Urteil wurde aber abgemildert: Otmar wurde auf die Insel Werd in Gewahrsam gebracht. Dort stirbt er in einer kalten Novembernacht am 16. November desselben Jahres.

Abt Otmar wurde zum Hungertod verurteilt

Zehn Jahre nach dem Tod Otmars, beichteten Mönche ihre Beteiligung an der Intrige. Der Leichnam Otmars wurde darauf hin exhumiert. Mönche brachten den Toten auf ein Boot auf dem Bodensee und brachten ihn nach St. Gallen zurück. Der Legende nach zog ein Sturm auf. Doch dieser konnte dem Boot nichts anhaben. Nicht einmal die Kerzen, die um den Leichnam Otmars aufgestellt waren, wurden ausgeblasen. Und die mitgeführten Weinfässchen, auch «Lägeli» genannt, wurden niemals leer, so viel die Mönche auch daraus tranken.

Im Buch «Flawil Geschichtliche Betrachtung» von 1949 will sich der Autor Jakob Leutwyler nicht alleine mit der Legende der Überführung des Abts Otmar zufrieden geben. Er wollte aufzeigen, dass die Lägelisnacht auch durch ein Ereignis aus der Flawiler Dorfgeschichte gerechtfertigt werden kann.

Anno 1471. Graf Rudolf Giel von Glattburg herrschte über Flawil. Mit einer Offnung (Gesetzgebung) versuchte er seine Stellung zu festigen. Eine neue Bussenordnung sollte zudem noch mehr Geld in die Kassen des Adligen spülen. Die Flawiler Dorfbewohner wollten sich damit nicht abfinden und zogen den Giel vor ein Schiedsgericht. Dieses entschied zu Gunsten der Flawiler. Sie durften nun über die Gesetze mitentscheiden. Die Urkunde wurden den Dorfbewohnern am Otmarsabend im Jahr 1471 übereicht. Die überarbeitete Offnung übrigens wurde 1609 in den Hauptpunkten erneuert. Bis zum Untergang der alten Eidgenossenschaft 1798 bildete die Offnung die Verfassung der Gemeinde Flawil.

Leutwyler räumt ein: «Es ist durchaus möglich, dass im Verlaufe der Jahrhunderte beide Daten zu einem vereinigt und die Tage der Altvordern alljährlich tüchtig gefeiert wurden. Das Lägeli, wie man früher die kleinen Tragbaren Weinfässchen nannte, könnten dem Fest den Namen gegeben haben.»

Kaperten die Flawiler die äbtische Weinfuhre?

Es gibt aber noch eine Geschichte: Die Flawiler seien erbost gewesen, weil der Abt im 18. Jahrhundert ihr Dorf bei dem Bau der Strasse zwischen Oberbüren und Gossau nicht berücksichtig hätte. Darauf hin hätten die Flawiler eine äbtische Weinfuhre gekapert, den Wein in den Lägeli gestohlen und eine ganze Nacht gezecht und gefeiert haben.

Vielleicht lässt es sich der Ursprung der Lägelisnacht auch ganz einfach erklären. Etwa so, wie Jakob Leutwyler in seinem Buch «Flawil in Wort und Bild» erläutert: Die Buben sollen sich in früheren Zeiten einen riesigen Spass daraus gemacht und hässliche Fratzen in Kürbisse geschnitzt haben. Diese montierten sie auf Stangen und hielten sie an die Fenster der Häuser und erschreckten kleine Kinder.

Ob so oder anders. Eines ist Tatsache: Der Verkehrsverein Flawil arrangierte 1927 einen geordneten Umzug und zeichnet sich auch heute noch dafür verantwortlich.

©Melanie Graf

Weitere Infos unter: Verkehrsverein-flawil.ch

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