Das Wildschwein im Fadenkreuz

Silvan Eugster klettert auf den Hochsitz. Dieser steht am Rand des Strässchens von Staubhausen Richtung Weiler Ebersol. Mit dem Klosterwald im Rücken und dem Hohrainwald in Sichweite, hat der St.Galler Wildhüter aus dem Kreis 2 Überblick auf die ganze Wiese. Es ist elf Uhr. Aus der Ferne ist das Geläut einer Kirchenglocke zu hören. Darauf folgen Signale der Jagdhörner, die irgendwo aus den Wäldern zu kommen scheinen. Die Wildschweinjagd geht los.

Eugster hat sein Gewehr in der Hand. Seine Augen suchen die Wiese nach verdächtigen Bewegungen ab. Doch mit Ausnahme von grasenden Schafen am Rand des Hohrainwalds bewegt sich nichts. Das monotone Rauschen der nahe gelegenen Autobahn ennet der Thur ist zu hören. Ebenso die Motoren der Autos, die durch Staubhausen fahren oder über den Weg, am Hochsitz vorbei, Richtung Ebersol. Dort findet ein Weihnachtsbaumverkauf statt. Hin und wieder schreckt eine Krähe auf und fliegt krächzend aus einer Baumkrone.

Ein Feldhase überquert in hohem Tempo die Wiese. Plötzlich hören die Schafe auf zu fressen und wenden ihre Köpfe dem Waldrand zu, um dann wenige Sekunden später geschlossen, wie ein grosser Wollknäuel, die Flucht ans andere Ende der Weide anzutreten. Eine Bache mit drei Frischlingen ist aus dem Wald gekommen und rennt lautlos auf Eugsters Hochsitz zu. Dieser nimmt sein Ziel ins Fadenkreuz. Er wartet, bis die Rotte näher kommt. Dann drückt er den Abzug. Der Schuss durchbricht die Stille. Die 7-Millimeter-Kugel rast auf ihr Ziel zu. Ein Frischling fällt. Er wird nicht der Letzte gewesen sein an diesem Tag.

Gejagt wird an diesem Tag in den Jagdrevieren der Jagdgesellschaften Oberbüren, Niederbüren, Niederhelfenschwil und Bischofszell. Dies auf einem Gebiet von etwa 500 bis 600 Hektar. Dabei werden die nachtaktiven Wildschweine ohne Hunde aus ihren Verstecken getrieben.

Bei dieser Grossaktion sind rund 220 Personen (davon über 100 Treiber) aus der Jagd, Forst- und Landwirtschaft beteiligt. Ziel: Die Dezimierung des Wildschweinebestands. Wildschweinrotten verwüsteten seit Monaten die Felder der Landwirte im Gebiet. Insbesondere im Herbst sei es besonders schlimm gewesen, weiss der Staubhauser Landwirt René Moser. Und auch in der Nacht vor der Jagd haben Wildschweine auf der Suche nach essbaren Wurzeln, Würmern, Engerlinge, Mäusen, Schnecken und Pilzen ein Feld in der Nähe durchpflügt. Das Schwarzwild macht auch nicht halt von den Feldfrüchten, die auf landwirtschaftlichen Flächen angebaut werden. «Es ist gut für die Moral, wenn man zusammen mit den Jägern etwas gegen diese Plage unternehmen kann», sagt der Landwirt. Denn irgendwann sei es einfach zu viel. Wie viel Wildschweine in diesem Gebiet oder sogar im ganzen Kanton ihr Unwesen treiben, kann aber niemand so genau sagen. Wildschweine lassen sich auch nicht so einfach jagen. Sie sind schlau und lassen sich nicht so schnell erwischen. Gemäss Jagdstatistik 2014 wurden im vergangenen Jahr 44 Wildschweine im Kanton St. Gallen erlegt. Gleich viel wie ein Jahr zuvor. Zusammen mit dem Fallwild konnten 2014 47 tote Wildschweine gezählt werden. 2013 waren es 52. Im Vergleich: 2014 wurden 3576 Rehe geschossen.

Am Morgen, bevor einige Jäger mit dem Jagdhorn zu «Auf zur Jagd» anstimmten, wandte sich der Verantwortliche an die Teilnehmer. Mirko Calderara, Wildhüter im Kreis 1, begrüsste die Gäste und zeigte sich sichtlich erfreut, diese revierübergreifende Jagd gemeinsam mit den Landwirten durchführen zu können. Die Landwirtschaft sei ein wichtiger Partner der Jagd. Es gäbe viele Berührungspunkte, die zu einer Zusammenarbeit führten. «Sicherlich ist der jagdliche Erfolg wichtig, aber ebenso der Umgang miteinander», sagte Calderara. Nachdem er über Regeln und Sicherheit informierte, schickte er Jäger und Treiber mit einem «Weidmanns Heil» Gruppenweise zu ihren zugewiesenen Gebieten.

Im Wald fallen weitere Schüsse. Wurde die Rotte von vorhin erlegt? Oder konnte sich die Bache mit ihren Jungen im Brombeergestrüpp verstecken? Der Frischling jedenfalls, der Eugster vor die Flinte lief, wird keinen Schaden im Wiesland mehr verursachen. Der Wildhüter weiss nur zu genau um die Problematik der Wildschäden durch Wildschweine. Auch er bekommt regelmässig Telefonanrufe von Bauern deswegen. Wildschäden müssen sofort dem kantonalenWildhüter oder demAmt für Natur, Jagd und Fischerei gemeldet werden. Der Wildhüter begutachtet den Schaden und entscheidet, ob eine Entschädigung in Aussicht gestellt werden kann.

«Es ist wichtig, dass der Bauer sofort reagiert», sagt Eugster, denn oft sind Wildschweine auch in der zweiten oder dritten Nacht am selben Ort. Die Chance sie zu erwischen sei dann grösser, fügt er an.

Die Schafe regen sich wieder. Aber nur, weil ein Reh den Hohrainwald verlassen hat. Es rennt über die Wiese. Eugsters Gewehr schweigt. Heute geht es nur dem Schwarzwild an den Kragen. Doch dieses lässt sich nicht mehr blicken. Es sind nur noch die Rufe der Treiber aus den Wäldern zu hören. Es fällt kein einziger Schuss mehr. Um halb zwei Uhr ertönen die Jagdhörner. Die Jagd ist zu Ende. Silvan Eugster entlädt das Gewehr und macht sich auf den Weg zurück.

Jäger und Treiber treffen sich auf dem Hof von René Moser zum wohlverdienten Mittagessen. Währenddessen werden sieben erlegte Wildschweine der Reihe nach auf Tannenzweige gebettet. Mirko Calderara ist mehr als zufrieden, die Strecke könne sich sehen lassen, sagt er und richtet das Wort an die Jäger und Treiber, die nach dem Essen heranströmten. «Es war ein hocherfreuter Jagdtag, das Wetter gut und die Disziplin hervorragend», zieht er Bilanz. Man wolle weiter solche Anlässe zusammen mit der Landwirtschaft organisieren, denn alle Partner könnten davon profitieren. Den toten Wildschweinen wird zum Zeichen des Respekts der «letzte Bissen» gewährt, es wird ihnen ein Tannenzweiglein auf den Körper gelegt. Calderara gratuliert den Schützen zu ihrem Erfolg. Dann blasen einige Jäger mit den Hörnern den «Sautod».

©Melanie Graf

 

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