Schlachtvieh

Schlachtviehmarkt: Die letzte Fahrt für Nummer 56

In der Markthalle Toggenburg in Wattwil werden alle zwei Wochen Schlachtkühe versteigert. Der Markt ist der grösste Schlachtviehmarkt für Kühe in der Schweiz. Für viele Tiere ist es der letzte Gang.

Das laute Muhen von Kühen und Rindern, die Motoren der Tiertransporter, die Rufe von Bauern, Händlern und Chauffeuren und das Klappern von eisernen Gattertoren vermischen sich vor der Markthalle in Wattwil zu einer unverkennbaren Geräuschkulisse: Der Schlachtviehmarkt ist im vollen Gange. Ein Bauer führt eine Kuh an der Halfter aus dem Anhänger zur Waage. Die Kuh muht und steigt in das Konzert der anderen Tiere ein. Warum eine Kuh oder ein Rind auf den Schlachtviehmarkt gebracht wird, kann viele Gründe haben. Das Tier ist vielleicht alt, bringt seine Leistung nicht mehr, wurde nicht mehr trächtig oder es hat verworfen. Kranke oder verletzte Tiere dürfen nicht aufgeführt werden. Die meisten der Tiere werden nach der Versteigerung direkt in die Schlachthöfe gefahren. Rund ein Viertel werden vor der Schlachtung für etwa ein, zwei Monate ausgemästet.

Der Bauer übereicht Hansueli Bleiker die Begleitdokumente. Ernst Rutz, Geschäftsführer der Nutz- und Schlachtviehgenossenschaft (NSG) steht an einem Gatter und hält den Überblick. Er schaut hier und dort nach dem Rechten. Er nimmt Bleiker die Dokumente ab. «Papierkram», sagt er und zeigt auf die Dokumente, «das ist heute etwas vom Wichtigsten. Die Papiere müssen stimmen sonst droht dem Bauer und dem Tier die Heimreise.» Er reicht Waagmeisterin Margrith Nef die Dokumente durch ein Fenster ins Waagzimmer gegenüber der Waage. Margrith Nef wirft ein Blick auf die Papiere und kontrolliert ob die Fahrzeit richtig notiert wurde. Dann schaut sie aus dem Fenster auf die Ohrmarke der Kuh und vergleicht sie mit der Nummer auf dem Dokument. Hansueli Bleiker schreibt mit einem Markierstift eine grosse 56 auf das Hinterteil des Tieres. Die Zahl vermerkt Margrith Nef auf dem Dokument. Sie erfasst das Gewicht der Kuh. TVD-Nummer, Tiergeschichte und Alter des Tieres werden mit der Tierverkehrsdatenbank (TVD) abgeglichen, das Tier wird registriert. Wenn alles in Ordnung ist, spuckt ein Automat eine Klebeetikette mit allen Angaben aus. Margrith Nef bringt die Etikette auf dem Waagschein an. Waagschein und Dokument werden nun den Schätzern weitergereicht.

Der Markt in Wattwil ist ein überwachter Markt. An öffentlichen Rindvieh- und Schafmärkten werden die aufgeführten Tiere nach der visuellen CH-TAX-Schätzmethode lebend beurteilt. Dazu engagiert die Proviande (Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft) am Schlachtviehmarkt zwei Schätzer. Die geschätzten Preise sind verbindlich. Kein Tier darf unter dem geschätzten Wert verkauft werden. Das Marktverhalten auf den Schlachtviehmärkten beeinflusst die Preistabelle der Proviande.

Die beiden Proviande-Experten Martin Kalberer und Hugo Brunschwiler begutachten jedes Tier. 127 Stück werden es an diesem Morgen sein. Mit geübtem Auge und den sogenannten Metzergriffen stellen sie den Ausmastgrad und die Fleischigkeit fest und vermerken den Preis pro Kilo Lebendgewicht auf dem Waagschein. Die Händler erfahren nichts von dieser Preisschätzung.

Die Kuh mit der Nummer 56 hat die Waage passiert, wurde geschätzt und wird nun durch einen Treibgang geführt. Neben dem Treibgang warten die Händler, die aus der ganzen Schweiz angereist sind.

Versteigerer Armin Raschle steht in einer Ecke des Treibgangs auf einem kleinen Podest. Von hier aus hat er die Übersicht. Er ruft über das laute Muhen der Kühe das Label, das Gewicht und die Herkunftsregion aus.

«20 Händler sind sich nie einig, das treibt die Preise in die Höhe.»

Ein Händler gibt sein erstes Gebot ab, die anderen ziehen nach und überbieten sich gegenseitig. Hier und da ein Wink, ein Ruf, ein Nicken. So mag es Ernst Rutz. Wenn hier draussen etwas los ist, dann ist das ein gutes Zeichen. Und er mag es, wenn viele Händler auf dem Platz stehen. «Je mehr desto besser», sagt Rutz. «20 Händler sind sich nie einig, das treibt die Preise in die Höhe.». Und das wissen auch die Bauern, die ihre Tiere nach Wattwil bringen. Die Zahl versteigerter Tiere kann sich sehen lassen: Im vergangenen Jahr (2017) setzte die NSG an den Standorten Sargans, Herisau, Wattwil und Appenzell insgesamt 8842 Tiere um. Alleine in Wattwil waren es 4069 Tiere. Wattwil gilt auch als einer der grössten Schlachtviehmärkte für Kühe in der Schweiz. In Sargans waren es 2427 Tiere, in Herisau 1304. Die NSG rechnete 2017 962 Tiere aus Appenzell ab. Rund 21 Millionen Franken Umsatz macht die NSG im Jahr.

Armin Raschle erhält für die Kuh mit der Nummer 56 das letzte Gebot. Er notiert den Endpreis auf dem Waagschein. Der Händler markiert das Tier mit einem Stift. Der Bauer macht einen zufriedenen Eindruck. Und er ist nicht der einzige. Die Kühe werden an diesem Tag im Durchschnitt 40 Rappen über dem von der Proviande festgelegten Preis pro Kilo Lebendgewicht verkauft. Bei den elf Rindern waren es sogar 91 Rappen.

Die Preise sind gut. Vielleicht zu gut. Das kann sich aber auch negativ auswirken. Schlachtkühe sind aufgrund des schlechten Milchpreises rar, die Preise für das Fleisch hoch. Zu teuer für manchen Interessenten. Und eines gibt dem NSG-Geschäftsführer auch zu denken: «Schweizer Kuhfleisch hat einen guten Ruf. Dieser Situation müssen wir unbedingt Sorge tragen. Das letzte was wir brauchen können ist ein Skandal.»

«Schweizer Kuhfleisch hat einen guten Ruf. Das letzte was wir brauchen können ist ein Skandal.»

Der Bauer hat seine Kuh mit der 56 einem Tiertransporteur übergeben. Nun wartet er auf seine Abrechnung. Im Büro in der Markthalle überprüft Trudy Wickli nochmals die Dokumente auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Anita Bühler tippt ein paar Angaben in den Computer und wenige Augenblicke später druckt sie die Abrechnung für den Bauern aus.

Die Tiertransporter stehen in einer Reihe wie Busse an einem Busbahnhof und warten auf ihre Fahrgäste. Die Kuh Nummer 56 wird in einen Transporter zu ein paar anderen Kühen geladen. Händler, die kein Transportfahrzeug dabei haben, respektive ihre Tiere später abholen, stellen die Kühe in die Halle. Der Markt ist nach etwas mehr als zwei Stunden zu Ende. Die Tiertransporter fahren nun in verschiedene Richtungen davon zu den verschiedenen Schlachthöfen. Knapp die Hälfte fährt nach Oensingen. Für die Kuh Nummer 56 ist es die letzte Fahrt.

©Melanie Graf

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