Todesfalle Garten

Es sind oft Bilder des Schreckens, denen Roschi Schmitz-Diethelm begegnet. Igel, deren Körper oder Beinchen durch Fadenmäher oder Tellersensen verletzt und verstümmelt wurden. Aber auch halb verhungerte und geschwächte Tiere sind es, um die sie sich im Igelzentrum Kreuzlingen kümmert.

Roschi Schmitz empfängt keine Besucher im Igelzentrum. Nicht, weil sie Besuche nicht mag, sondern ihren Schützlingen zuliebe. Die Igel sind krank oder verletzt und schwach. Besuch bedeutet Stress. «Stellen Sie sich vor, sie lägen im Krankenhaus und ständig kommt jemand vorbei und hebt ihre Bettdecke hoch», veranschaulicht Roschi Schmitz. Stimmt. Das möchte niemand.

Aber von ihrer Arbeit kann sie erzählen. Ihr Telefon lässt sie eingeschaltet. Es könnte jeden Moment klingeln.

Täglich erhält Roschi Schmitz Telefonanrufe von Menschen, die ein krankes oder verletztes Tier gefunden haben. Ihr Zuständigkeitsgebiet ist gross. Sie arbeitet im Auftrag des Tierschutzvereins Rorschach und St. Gallen und in Zusammenarbeit mit den Tierschutzvereinen Toggenburg, Appenzell und Romanshorn.

Oft bringen die Finder aufgefundene Tierchen direkt nach Kreuzlingen oder zu einer Anlaufstelle, welche die Igel in Empfang nimmt. Dort wird die Erstversorgung der Igel vorgenommen. Freiwillige bringen die Igel dann zu Roschi Schmitz nach Kreuzlingen. In der Ostschweiz existieren einige solcher Anlaufstellen, mit denen Roschi Schmitz zusammen arbeitet, damit die Igel möglichst schnell versorgt werden.

Sie pflegt Kontakt zu zahlreichen Tierärzten in der ganzen Region. Viele der Tierärzte versorgen Igel notdürftig, die zu ihnen in die Praxis gebracht werden. Auch diese Igel werden im Igelzentrum Kreuzlingen gesund gepflegt, soweit dies möglich ist. Manchmal bleibt dem Tierarzt nichts anderes übrig, als das Tier von seinem Leiden zu erlösen.

«Ich behalte die Tiere nicht», betont Roschi Schmitz. «Ich pflege und versorge sie, bis sie wieder selber lebensfähig sind.» Und das macht sie sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr. Keine Ferien. «Es ist ein Vollzeit-Job.»

Rund 22 Igel hat sie derzeit in ihrer Obhut. Wenn die Tierchen wieder gesund sind, werden sie wieder in die Freiheit entlassen. Ihr Wissen und die Erfahrung mit Igeln hat die pensionierte Laborantin im medizinischen und chemischen Bereich, während ihres ganzen Lebens angeeignet. «Schon meine Mutter pflegte Igel. Als ich ein Kind war, habe ich oft mitgeholfen.»

Igel sind ortstreu. Wenn sie die Station wieder verlassen dürfen, werden sie an den Fundort zurückgebracht. «Der Igel hat eine Art Landkarte im Kopf. Er orientiert sich am Magnetfeld der Erde, an Geräuschen und Gerüchen. Würden wir den Igel an einem anderen Ort aussetzen, würde das Tierchen versuchen an den ursprünglichen Ort zurückzukehren. Und sich damit im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode laufen», erklärt Roschi Schmitz.

Für Igel lauern überall Gefahren. Nicht nur auf der Strasse. Gerade auch in der Landwirtschaft und in privaten Gärten. Roschi Schmitz warnt davor, Waldränder oder Gartenhecken unüberlegt mit Fadenmäher und Tellersensen zu schneiden. Der Rasenroboter in den Gärten kann, wenn er zu weit in Gebüsche oder Hecken fährt, ganze Igelnester überfahren und die sich darin befindenden Jungen töten. Auch Laubsauger sind für Igelbabys eine Todesfalle. «Ein Igelbaby wiegt, wenn es auf die Welt kommt durchschnittlich 22 Gramm. Der Laubsauger saugt die Tierchen einfach ein.» In liegengelassenen Reb- und Obstnetze können sich Igel verfangen, verletzen und verhungern schliesslich. Elektrische Flexinetze (Schafhäge) sind Roschi Schmitz ein Dorn im Auge. «Die Igel sind chancenlos wenn sie hängenbleiben.» Hin und wieder wird ein Igel beim Mähen auf offenen Flächen vom Mähwerk verletzt oder getötet. Auch in der nähe eines Baumes kann es vorkommen. Man solle das Gras rund um die Bäume, die auf Wiesen stünden, etwas stehen lassen, oder nachschauen, ob sich ein Igel darin befinde, rät Roschi Schmitz

Manchmal kann ein gesundgepflegtes Tier nicht mehr an seinen Fundort zurückgebracht werden. Roschi Schmitz weiss, wie man den Igel überlisten kann: Bei der Auswilderung, welche am besten in einem Garten, weit weg von Strassenverkehr erfolge, könne ein, vor anderen Wildtieren geschütztes Gehege mit Unterschlupfmöglichkeiten errichtet werden. Die Tiere müssen zehn Tage darin gefüttert werden. «Aber ganz wichtig ist, dass man mit den Igeln nicht spricht oder sonst wie Kontakt aufbaut», sagt die Igelkennerin. Man könne das Wildtier – und ein Igel sei ein Wildtier – nur in die Freiheit entlassen, wenn es keine Beziehung zu Menschen habe. Habe der Igel keine Angst mehr vor Menschen, laufe er Gefahr, dass er sich nicht mehr einkugle, und die stacheln nicht mehr stelle. Und damit falle er seinen Fressfeinden zum Opfer. «Eine Beziehung zum Menschen ist sein Todesurteil.» Sie mahnt: «Auch wenn der Igel ein herziges Tier ist, ein Igel ist kein Kuschel- und kein Haustier. Dies müssen wir akzeptieren.» Sie habe schon Igel bei älteren Menschen abholen müssen, die sich aus Einsamkeit einen Igel ins Haus holten. «Das geht einfach nicht», ist sie der Meinung.

Igel sind nachtaktiv und ziehen Sträucher, Hecken und Büsche dem Wald und der Wiese vor. Sie leben fast unbemerkt in Gärten oder an Waldrändern. Hinweise auf einen stacheligen Gast im Garten geben allfällige Löcher im Rasen oder Kot, der dem Katzenkot ähnlich sieht. Im Frühling schreit und faucht das Igelmännchen um unerwünschte Konkurrenz abzuwimmeln. Höre man ein Pfeifen, wie bei Meerschweinchen, dann sei dies ein Hinweis, dass die Igelbabys unter Umständen von ihrer Mutter verlassen wurden, sagt Roschi Schmitz. Am besten melde man sich bei ihr im Igelzentrum.

Igel lieben Insekten. Schnecken sind nur zweite Wahl. Sie finden ihre Nahrung auch ohne Hilfe des Menschen. Darum sollten Igel grundsätzlich nicht gefüttert werden. Schon gar nicht mit Milch. Diese verursacht heftigen Durchfall. An besonders heissen Tagen, oder vor und nach dem Winterschlaf sei es erlaubt, dass man den Igel Wasser und etwas Katzen-Trockenfutter zur Verfügung stelle, sagt die Igelkennerin. Stelle man fest, dass der Igel huste, grünen Kot absetze, das Tier vor dem Winter sehr mager oder noch sehr klein sei, solle man sich bei ihr erkundigen, was zu tun sei. «Hat der Igel im Herbst die Form eines langen und nicht die Form eines runden Brotes, dann besteht Handlungsbedarf. Erst recht, wenn man beim Igel am Hinterkopf Hungerfalten entdeckt.» Man behalte den Igel im Auge, bereite eine Küchenwaage vor und greife zum Telefon, empfiehlt Roschi Schmitz.

Wie aufs Stichwort klingelt Roschi Schmitz’ Handy. Sie nimmt den Anruf entgegen. Nach wenigen Minuten erklärt sie, dass sie nun los müsse: «Einen Igel abholen.»

 

Igel gefunden, Plätze gesucht

 Wird in Europa vom Igel als Art gesprochen, ist meist der Braunbrustigel gemeint. Wer einen verletzten oder kranken Igel findet, kann sich direkt im Igelzentrum Kreuzlingen bei Roschi Schmitz-Diethelm unter der Telefonnummer 079 789 74 46 melden.

 Das Igelzentrum Kreuzlingen ist immer wieder auf der Suche nach geeigneten Auswilderungsorten. Die Menschen, die einen solchen Platz zur Verfügung stellen wollen, müssen akzeptieren, dass ein Igel ein Wildtier und kein Haustier ist. Der Igel ist ein geschütztes Wildtier und darf nicht in Gefangenschaft gehalten werden. Wichtig ist aber auch, dass keine Dachse in der Nähe sind. Dachse sind die grössten Tierfeinde für den Igel. Finanziert wird das Igelzentrum Kreuzlingen durch Beiträge des Wildtierfonds des Schweizerischen Tierschutzes und durch Spendengelder. Roschi Schmitz macht Schulbesuche und betreibt Öffentlichkeitsarbeit. An Verpflegungsständen versucht sie, die Kasse des Igelzentrums aufzubessern. 

 ©Melanie Graf

 

 

 

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