Hähnchen

Willkommen in Poulet-City

Als einziges Ostschweizer Unternehmen produziert die Frifag Märwil AG Pouletfleisch und ist schweizweit der marktführende Anbieter von Schweizer Trutenfleisch.Auf die Wertschöpfung im gesamten Verarbeitungsprozess wird viel Wert gelegt. Dies wird im Rahmen eines Besuchs deutlich.

Geflügelfleisch ist beliebt. Knapp 12 Kilo essen Herr und Frau Schweizer im Jahr. Geflügel belegt nach Schweinefleisch mit einem Pro-Kopf-Konsum von rund 22,5 Kilo den zweiten Platz. 1996 waren es erst 9,17 Kilo. Das Geflügel ist im Höhenflug. Insbesondere Geflügel aus der Schweiz erlebt einen Boom. Und genau darauf hat sich die Frifag Märwil AG spezialisiert. Das Unternehmen produziert Poulet- und Trutenfleisch für Metzgereien, Fachgeschäfte und Grossverteiler, unter den Label «Suisse Garantie», «Aus der Region» und «Culinarium».

Der Hauptsitz der Frifag befindet sich in Märwil bei Affeltrangen. Im luzernischen Rain und im bernischen Schüpfen werden zudem zwei Filialen betrieben. Märwil ist aber Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens. Hier befindet sich der Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb. Die Frifag Märwil AG wurde 1987 am Standort einer alten Mosterei gegründet. Im Keller des Gebäudes deuten alte Malereien und der Schriftzug «1911 – 1918 Gründung der Gärmosterei» auf die Geschichte hin. Die Frifag ist heute hinter Micarna und Bell die drittgrösste Geflügelverarbeiterin in der Schweiz. Vor dem Hauptsitz werden die Besucher von einem grossen Plakat begrüsst: «Willkommen in Poulet-City.»

Swissness und Wertschöpfung wird hier gross geschrieben. Wo Frifag draufsteht, ist Frifag drin. Das versprechen Geschäftsleiter Andi Schmal und Dominik Hänsli, Bereichsleiter Produktion, vor dem Rundgang durch den Betrieb. Bevor es in die Produktion hinein geht, gibt es einen Einwegkittel, Überzieher aus Plastik für die Schuhe und eine Kopfhaube sowie ein Mundschutz. Dann geht es durch die Hygieneschleuse. Hygiene ist das oberste Gebot.

Die Poulets sind in den frühen Morgenstunden geschlachtet worden. Auf Rollen, an einer Schiene eingehängt, die an der Decke angebracht ist, «kurven» die Schlachtkörper durch die Verarbeitungshalle. Ein «Fotoapparat» macht von jedem Schlachtkörper ein Bild. Dieses wird digital analysiert und die Qualität bestimmt. Ist die Haut beschädigt, stecken noch vereinzelte Federn in der Haut oder weisen die Flügel Rötungen auf, meldet sich das System. Ein Mitarbeiter leitet den Schlachtkörper zur Weiterverarbeitung weiter. Dann gibt es Flügeli, Schenkel, Brüstli, Filet, Steaks. Erfasst die Kamera ein perfektes Poulet dann wird es als Ganzes verkauft. Manche von ihnen werden mariniert und landen an einem Spiess der Natura Güggeli, einer Tochtergesellschaft der Frifag Märwil AG. Diese Poulets schmoren dann in einem der rund 30 Grillwagen, an einer Party oder am Strassenrand an den rund 180 Standorten in fast allen Kantonen.

«Pro Tag verarbeiten wir 35 000 Poulets.»

Fast jeder Schritt von der Zerlegung, Wägung bis zur Etikettierung und Verpackung sei vollautomatisiert, sagt Dominik Hänsli. Die Anlage wurde vor rund anderthalb Jahren komplett erneuert. Auf der Produktionsstrasse kann trotz dieser Automatisierung nicht auf Mitarbeitende verzichtet werden. Die Anlage sorgt zwar dafür, dass der Schlachtkörper automatisch in die Einzelteile zerlegt wird, die Brüstli und die Filets müssen aber «geerntet» werden, das heisst, Mitglieder vom Produktionsteam ziehen das Fleisch von Hand vom Knochen ab und dressieren es. Auch das Ausbeinen der Pouletschenkel für die Steaks oder das Schneiden von Geschnetzeltem bleibt Handarbeit. In die verkaufsbereite Verpackung gelangen nur perfekt dressierte und küchenfertige Fleischstücke. «Die Köchinnen und Köche sollen am Fleisch nicht noch überflüssiges Fett und Sehnen wegschneiden müssen», sagt Schmal.

«Pro Tag verarbeiten wir 35 000 Poulets», sagt Dominik Hänsli, «4500 Poulets in der Stunde können wir verarbeiten». In Zukunft könne die Leistung sogar auf 7200 Stück pro Stunde erhöht werden.

Die Frifag verarbeitet pro Tag auch rund 800 bis 1000 Truten. Da sie, im Gegensatz zu Poulets, nicht maschinell verarbeitet werden können, ist hier viel Handarbeit gefragt.

Bei der Frifag überlässt man nichts dem Zufall. Die frisch geschlüpften Küken aus den Auftragsbrütereien, werden von 135 Partnerbauernhöfen in der Ostschweiz, im Mittelland und in der Westschweiz aufgezogen.

Die Bauern beziehen das Futter von der Obermühle Boswil AG, dem Mutterhaus der Frifag. Die Obermühle wird von Valentin Stöckli geleitet, der auch als Verwaltungsratspräsident der Frifag amtet.

Wenn die Zeit für die Poulets gekommen ist, also nach knapp 40 Tagen, werden die Tiere auf dem Bauernhof gruppenweise in Kisten mit jeweils vier Schubladen gesetzt, in Lastwagen verladen und zur Frifag nach Märwil gebracht. Die Kisten werden mit samt Schubladen in eine Co2-Betäubungsanlage geschoben. «Um den Tieren unnötigen Stress zu ersparen, bleiben sie zusammen», sagt Schmal. Das Tierwohl solle bis zum Schluss gewährleistet sein.

Die, durch das Kohlendioxid betäubten Tiere werden im Anschluss sofort durch einen Kehlenschnitt getötet und entblutet. Auch hier setzt die Frifag auf vollautomatisierte Abläufe. Aber: «Um garantieren zu können, dass jedes Tier korrekt betäubt und geschlachtet wird, überwacht ein Mitarbeiter diesen Ablauf permanent», sagt Schmal. Nach der Entblutung, dem Bad im Brüher und dem Rupfen der Federn, geht es für die inzwischen Bein- und kopflosen, nackten Poulets in den Kühler. Dort drehen sie ihre Runden für etwa dreieinhalb bis vier Stunden an der kühlen Luft.

«Die Tiere haben es nirgends so gut wie in der Schweiz»

Die Poulets werden auf den Bauernhöfen nach BTS-Richtlinien (Besonders tierfreundliche Stallhaltung) gehalten. Das sei die artgerechteste Haltung, die für Poulets möglich ist, sagt Schmal. Er verteidigt diese Haltung gegen jegliche Kritik. Er sei viel im Ausland herumgekommen und habe in viele Pouletställe sehen können. «Die Tiere haben es nirgends so gut wie in der Schweiz», sagt er.

Stolz zeigt er sich auch auf die Haltung bei der Trutenmast. Die Truten, die für die Frifag produziert werden, geniessen Auslauf im Freien (RAUS). «Das ist ebenfalls die argerechteste Haltung für dieses Tier», sagt Schmal. 90 Prozent des in der Schweiz produzierten Trutenfleischs stammt aus der Produktion der Frifag.

Speziell an der Geflügelverarbeitung sei sicher die Menge, die verarbeitet werden müsse, damit sich der Aufwand betriebswirtschaftlich lohne, sagt der Geschäftsleiter. Das Schlachtgewicht eines Schweins liegt etwa bei 90 Kilo, ein Poulet kommt auf etwa 1500 Gramm.

Die meisten Mitarbeitenden in der Frifag sind Quereinsteiger und werden vom Unternehmen selbst ausgebildet. Am Standort Märwil sind 261 Personen beschäftigt. Insgesamt zählt der Personalbestand aktuell 276.

Die Frifag beliefert auch Metzgereien. Wäre Fleisch nicht ihr Kerngeschäft? «Die Metzgereien schätzen es, wenn sie mit der Geflügelverarbeitung nicht viel zu tun haben», sagt Produktionsleiter Hänsli. Er hat – wie auch Andi Schmal – einst A-Metzger (heute Fleischfachmann Gewinnung) gelernt. Hänsli gibt zu, dass er die Abläufe in der Geflügelverarbeitung auch zuerst lernen musste. Metzger schenkten dem Geflügel damals weniger Beachtung als Schweinen oder Rindern. Geschäftsleiter Schmal fügt an, dass dies auch heute noch der Fall sei und die heutigen Lernenden leider zu wenig mit Geflügel zu tun hätten. In Anbetracht der zunehmenden Bedeutung und Beliebtheit des Geflügelfleischs sei das natürlich schade.

©Melanie Graf

 

Eine weitere «fleischige» Reportage: Knochenjob in der Grossmetzgerei

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.