Schafalp Engadin

Wo Wolf und Bär ihr Unwesen treiben

Die Alp Plazér im Unterengadin liegt rund drei Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Schafe und Mutterkühe weiden auf dieser Alp, fernab der Zivilisation, wo Wolf und Bär ein grosses Thema sind.

Schäfchenzählen soll beim Einschlafen helfen. Die Schafbesitzer, die an diesem sonnigen Morgen auf der Alp Plazér mithelfen, die Schafe zu zählen, leisten sich aber kein Nickerchen. Sie sind hellwach, aufmerksam und kontrollieren jedes Tier auf seinen Gesundheitszustand. Der Südtiroler Hirt Stefan trieb die Tiere zuvor mit seinen drei Border Collies zur Rinderhütte auf 2061 Meter über Meer hinunter. Nun stehen die Schafe in einem Pferch und werden einzeln durch einen Treibgang getrieben und kontrolliert. Martin Keller ist Präsident des St.Gallischen Schafzuchtverbands, Alpmeister und Pächter der Engandiner Alp nahe S-charl. Er steht am Treibgang und liest die Nummer auf der Ohrmarke ab. Drei Helfer sitzen an einem Tisch und haben die Tierlisten vor sich ausgebreitet. Keller gibt ihnen die Nummer bekannt. Die Nummer wird mit der Liste abgeglichen. Dann wird der Treibgang geöffnet und das Schaf in die bereits kontrollierte Herde entlassen.

400 Schafe werden auf Plazér gealpt. Erreichbar ist sie von S-charl aus, das rund 16 Kilometer von Scoul in einem Tal liegt und nur im Sommer mit dem Auto erreichbar ist. Der Weg von S-charl verläuft entlang des Wildbaches Clemgia, der an der Grenze zum nahen Südtirol entspringt und bei Scuol in den Inn mündet. Etwas weiter hinten liegt die Alp Tamagur, mit dem höchstgelegenen Arvenwald Europas. Nach gut drei Kilometern zweigt der Weg nach links zur Alp Plazér in Richtung Cruschetta ab, dem Übergang zur italienischen Grenze.In der Gegend wurde am 1. September 1904 der letzte Schweizer Bär geschossen. Heute ist der Bär, so wie der Wolf, wieder ein aktuelles Thema.

«Mit Wolf und Bär müssen wir leben.»

Nach der Zählung wird festgestellt, dass 16 Tiere fehlen. Man habe den Wolf vor drei Wochen in der Gegend gesichtet, sagt der Alpmeister. Der Bär soll sich auch irgendwo in Richtung Ofenpass aufhalten. Risse hat Keller in dieser Saison noch keine zu beklagen. Bei den 16 Schafen handelt es sich um Tiere von zwei Besitzern, die sich irgendwo abgesetzt hätten. Hirt Stefan hat auch schon eine Ahnung, wo sie sich aufhalten könnten und gibt Entwarnung. Es hätte auch anders sein können. 2007, 2011 und vor zwei Jahren holte sich der Bär Beute – trotz Herdenschutz. «Damit müssen wir leider leben», sagt Martin Keller. Wenn er über den Wolf spricht, ist seine Stimme ruhig, seine Worte sind gewählt und sachlich. Von Emotionen lässt er sich nicht hinreissen. Keller ist Präsident der Vereinigung zum Schutz der Weidetierhaltung und ländlichem Lebensraum der Kantone Glarus, St.Gallen und beider Appenzell, kurz VWL-Ost. Eine Ausrottung hält er nicht für realistisch, aber er ist für eine Regulierung und dafür, dass man insbesondere die Hybriden, also die Wolfs-Hunde-Mischlinge ins Visier nehmen sollte.

Der Alpmeister setzt zum Schutz seiner Herde vor Wolf und Bär Herdenschutzhunde ein. Die Hunde der Rasse Maremmano-Abruzzes hat er selbst ausgebildet. Drei dieser weissen grossen Hunde bewachen die Herde auf der Alp.

Eine Hündin hat diesen Frühling sechs Junge bekommen. Für Nachwuchs ist also gesorgt. Die Welpen werden meist in der Herde geboren und somit von Anfang an in eine Schafherde integriert. Zwischen Schafen und Hunden entsteht eine gegenseitige Akzeptanz. Die Hunde betrachten die Schafe als ihresgleichen und bewachen sie. Der Hund stellt sich zwischen Herde und Eindringling. «Wenn die Schafe von verschiedenen Besitzern Anfang Juni auf die Alp kommen, besteht die grosse Herausforderung, eine Einheit, eine homogene Herde zu bilden», sagt Keller. In den ersten zehn Tagen werde deshalb mit Flexinet ein Zaun aufgestellt, in dem sich die verschiedenen Schafe und die Hunde aneinander gewöhnen. Dann werde der Zaun entfernt und die Schafe freigelassen. Keller hat gute Erfahrungen damit gemacht. Der Hirt habe es dann einfacher, die Herde im Auge zu behalten..

Die Alp Plazér umfasst 1000 Hektaren. Allerdings sind «nur» 500 Hektar produktiv. Hirt Stefan hütet die Schafe bereits den fünften Sommer. Seine Schäferhütte, die 2012 erbaut wurde, liegt rund 500 Meter oberhalb der Rinderhütte auf 2500 Meter über Meer. Das Gelände ist steil und steinig und nur zu Fuss erreichbar. Rund eine Stunde Weg liegen zwischen den beiden Hütten. Im Frühling transportiert ein Helikopter Nahrungsmittel für den Hirten, 300 Kilo Hundefutter – ein Kilo pro Tag pro Hund – und das Salz für die Schafe zur Hirtenhütte.

«Viele Mutterkühe kalben während der Alpzeit ab.»

Für die 200 Rinder und Mutterkühe ist Fabian zuständig. Er verbleibt während der Alpzeit in der Rinderhütte, die mit einem guten Allradfahrzeug erreichbar ist. Allerdings nur mit Bewilligung der Gemeinde. Der Südtiroler hütet den zweiten Sommer das Vieh. Ein nicht immer einfacher Job. «Viele Mutterkühe kalben während der Alpzeit ab», sagt Martin Keller.

Die Sonne ist hinter Wolken verschwunden. Es wird merklich kühler. Und plötzlich öffnet der Himmel seine Schleusen. Der Spuk ist nach ein paar Minuten vorbei. Doch kühl bleibt es. Für solche Wetterkapriolen hat Keller ein müdes Lächeln übrig und erinnert sich an das vergangene Jahr, als die Helfer nach der Schafzählung mit dem Helikopter aus dem Tal geflogen werden musste. Unwetter verursachten Erdrutsche im Val S-charl, die Strasse nach Scoul wurde an mehreren Orten verschüttet und blieb eine Woche unterbrochen. Bereits 2015 wurde das Tal durch Erdrutsche tagelang von der Aussenwelt abgeschnitten.

Den Schafen im Pferch ist das egal. Sie warten nur laut blökend darauf, dass sie wieder in die Freiheit entlassen werden.

©Melanie Graf

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