Stattliches Landhaus im edwardanischen Stil im Grünen
Gesellschaft,  Landwirtschaft

Agrotourismus der Superlative

Die Schottischen Highlands sind ein beliebtes Reiseziel. Jamie Williamson vom Alvie und Dalraddy Estate in Kincraig in Kingussie verwaltet einen Landwirtschafts- und Forstbetrieb. Er betreibt aber auch Agrotourismus im ganz grossen Stil.

Lachender Laird
Laird Jamie Williamson

Jamie Williamson geizt nicht mit Humor. Wenn der 72-Jährige erzählt, macht er dies mit Witz und einem breiten Lächeln im Gesicht. Er steht im Salon des Alvie House neben einem Flügel. Familienportraits hängen an den Wänden, die Bücherregale sind bis unter die Decke voll von Literatur aus aller Welt. Im Kamin knistert das brennende Holz. Draussen regnet es. Ein kleiner See liegt eingebettet zwischen frisch gemähtem Rasen und einem Kiefernwald. Der Waldrand schimmert violett. Rhododendren wachsen hier überall. 

Das Alvie House ist ein herrschaftliche Anwesen im edwardianischen Stil aus dem 19. Jahrhundert und das Zentrum des Alvie Estates im Herzen der Highlands. Das Haus hat eine lange Tradition als Familienheim, für Familientreffen und Hochzeiten. Es bietet eine Unterkunft für fast 20 Personen. Seit fünf Generationen lebt die Familie Williamson hier. Jamie Williamson ist ein Laird, ein Gutsherr. Er verwaltet den Familienbesitz, das Alvie Estate und das Dalraddy Estate. 

Die Grundstücke befinden sich zu 39 Prozent im Cairngorm-Nationalpark, in der Nähe des Wander- und Skizentrums von Aviemore, welcher das ganze Jahr über von Touristen besucht wird. Der National Park wurde 2003 gegründet. Williamson glaubt, dass der Status eines Nationalparks der ländlichen Wirtschaft Aufschwung gebracht hat. Die beiden Landgüter umfassen 5400 Hektaren, wovon rund 813 Hektaren Wald sind, die für die Forstwirtschaft und Holzschnitzelproduktion genutzt werden. Fast 80 Prozent sind Hügel und Moore und werden mit Schafen extensiv bewirtschaftet.

Die Alvie und Dalraddy Landgüter sind ein Ferienparadies: Williamson bietet noble Unterkünfte zur Übernachtung an, ganze Häuser, aber auch Einstellplätze für Wohnwagen, Zeltplätze und luxuriöse Chalets. «Es sind rund 1000 Gästebetten», sagt Williamson.

Den Touristen werden verschiedene Freizeitaktivitäten angeboten: Quadtouren, Reiten, Hirsch-Beobachtungen, Hirsch- und Auerhahn-Jagden für Jagdgesellschaften, Seilrutschen, Bogenschiessen, Lachsfischen, Paintball und noch vieles mehr. Die Feriengäste dürfen auch zuschauen, wenn die Schafe geschert werden oder im Winter helfen, die Hirsche zu füttern.

«Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben. Sie haben die Zeit und das Geld.»

Jamie Williamson

Der Dalraddy Holiday Park wurde 1968 gegründet. Er erstreckt sich über 39 Hektaren. Auf dem Zelt- und Wohnwagenplatz gibt es nebst sanitären Anlagen auch einen Waschsalon, Kinderspielplatz und einen Shop. Die Luxus-Chalets bilden beinahe ein kleines Dorf. «Mit grossen Abständen zwischen den Häusern, die Leute wollen ihre Ruhe», sagt der Laird. Die meisten dieser Chalets hat er an Rentner vermietet. «Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben. Sie haben die Zeit und das Geld», sagt Jamie Williamson und lacht. 

Dass zuviele Touristen der Umwelt schaden können, weiss auch der Gutsherr. Er möchte den Tourismus deshalb nachhaltig gestalten. Es sei deshalb wichtig, den Weg den man einschlage vorsichtig zu wählen.

Auf dem Weg zu einem der Rinderställe fährt Williamson an einem Steinkreis vorbei. «Es wird angenommen, dass dieser Steinkreis aus dem Jahr 2000 vor Christus stammt», erzählt der Laird. Das sei ein Beweis, dass dieses Land seit mindestens 4000 Jahren von Menschen bewohnt wird. Manchmal kämen Leute hier her, erzählt er grinsend und fügt amüsiert hinzu: «Die tanzen dann stundenlang um den Kreis.»

«Es wird angenommen, dass dieser Steinkreis aus dem Jahr 2000 vor Christus stammt.»

Jamie Williamson

Die Farmen auf den Gütern werden von Partnern bewirtschaftet. Der landwirtschaftliche Betrieb umfasst vier Ställe. Rund 300 Hektar sind «pflügbar», auf diesem Boden werden Silage, Heu und Rüben angebaut und die Rinder geweidet. Der grösste Teil der Landwirtschaftlichen Nutzfläche ist extensiv und von Schafen beweidet. 

Das Nutzvieh besteht aus einer Herde von 120 Mutterkühen, einigen Bullen, und 760 Mutterschafen, vorwiegen Blackface. Die Shorthorn-Kühe werden mit Limousin gekreuzt. Die besten Shorthornkälber werden aufgezogen oder verkauft. Um die Qualität der Zuchtherde zu verbessern, stammen einige der Kälber aus Embryotransfers aus Kanada. Im Stall, in dem die Bullen gehalten werden, hängen zahlreiche Flots, die auf die züchterischen Erfolge hinweisen. Das Fleisch einiger Rinder und Schafe wird im Shop des Dalraddy Holiday direktvermarktet. 

Auf dem Landgut werden Hackschnitzel produziert und verkauft. Auch das Alvie House, der Ferienpark und weitere Häuser werden damit geheizt. Dass es überhaupt Bäume zum Fällen gibt, ist unter anderem der Baumpflanzung im letzten Jahrhundert zu verdanken. Im Nordosten Schottlands gab es mehr Baumpflanzungen als anderswo in Europa. Doch bereits zwischen 1869 und 1877 wurden auf Alvie Nadelbäume gepflanzt. Viele Bäume wurde während der beiden Weltkriege gefällt. Zwischen 1945 und 1960 wurden fast alle während des Krieges gefällten Gebiete von Gerald Williamson, dem Grossvater des heutigen Laird, neu aufgeforstet. Der Wald hat für das Unternehmen eine grosse Bedeutung und gibt den Estates eine zukunftsweisende Richtung. Laird Williamson sagt: «Wir werden auch in Zukunft sowohl auf erneuerbare Energien wie auch auf den Tourismus setzen.»

©Melanie Graf

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