Einsatz-Zentrale
Gesellschaft

Rund um die Uhr im Einsatz

Wer im Kanton St.Gallen eine Notrufnummer wählt, wird mit der kantonalen Notrufzentrale in St.Gallen verbunden. Diese ist rund um die Uhr besetzt. Die Arbeit der Disponenten ist anspruchsvoll, wie ein Augenschein zeigt.

Im Schnitt gehen täglich «nur» 300 Anrufe in der Zentrale ein – und je näher das Wochenende rückt, desto mehr sind es. Um die Notrufzentrale 24 Stunden besetzen zu können, arbeiten in der Regel je sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in drei Schichten. Insgesamt sind es 32 Polizisten und zehn Rettungssanitäter, die bei der kantonalen Notrufzentrale arbeiten.

Die Nachtschicht hat begonnen. Schichtführer Feldweibel Thomas Meier, seit 20 Jahren bei der Notrufzentrale tätig, und seine Kolleginnen und Kollegen haben den Dienst angetreten.Vier Polizeidisponenten werden die ganze Nacht die Polizei- und Feuerwehrnotrufe aus dem Kanton St.Gallen über die Nummern 112 (internationale Notrufe), 117 (Polizei) und 118 (Feuerwehr) entgegennehmen. Zwei Sanitätsdisponenten bearbeiten die Notrufe 144 (Rettungsdienst) aus den Kantonen St.Gallen,  Appenzell Inner- und Ausserrhoden und Glarus.

«Wer hier arbeitet, muss multitaskingfähig sein und einen ruhigen Kopf bewahren können.»

Feldweibel Thomas Meier

Meier sitzt an seinem Tisch, vor ihm eine Computertastatur und vier Monitore. Auf dem Computer kann er alle notwendigen Informationen und Daten abrufen, die Anrufe protokollieren und mit einem Mausklick die richtige Hilfe anfordern, zum Beispiel die Feuerwehr, den Rettungsdienst oder die Rega. Auf einem der Bildschirme ist eine Karte aufgeschaltet. Auf dieser ist ersichtlich, wo sich die Polizeipatrouillen befinden. Wenn der Anrufer vom Festnetz aus telefoniert, erscheint sein Wohnort auf der Karte. Aus Datenschutzgründen geht das nicht übers Handy. Dazu ist eine Einwilligung des Anrufers notwendig.

Auf einem der Monitore blinkt ein grünes Feld. Ein Notruf geht ein. Meier schnappt sich das Headset und nimmt den Anruf entgegen. Auch seine Kollegen sind in Gespräche vertieft. Sie sprechen alle gleichzeitig in ihre Headsets und aus den Lautsprechern auf den Tischen ist der Polizeifunk zu hören. Meier spricht und tippt gleichzeitig auf der Tastatur. Dann beendet er das Gespräch und protokolliert es zu Ende. «Wer hier arbeitet, muss multitaskingfähig sein und einen ruhigen Kopf bewahren können.» Erneut blinkt es auf dem Schirm grün. Es steht wieder ein Notruf über die Nummer 117 in der Leitung. Es gibt Ärger in einem Asylbewerberzentrum. Meier ruft auf dem Computer die Standorte, der sich in der nähe befindenden Patrouillen ab. Er funkt seine Kollegen an und bittet sie, beim Asylbewerberzentrum vorbeizuschauen.

Eine Rettungssanitäterin an einem Tisch hinter Thomas Meier hat einen Notruf erhalten. Es geht um verletzte Person. Doch die Lage ist undurchsichtig. Sie nimmt Rücksprache mit einem Kollegen der Polizei, dieser schickt eine Patrouille vorbei. 

Unterdessen hängt Meier wieder am Draht. Eine Anruferin meldet, dass sie sich von einem fremden Mann bedrängt fühle. Das sei aber schon vor einer Stunde gewesen. Meier beruhigt sie, stellt ihr ein paar gezielte Fragen und nimmt die Meldung sachlich auf. Er werde eine Patrouille vorbeischicken, die nach dem Mann Ausschau halte. Er beendet das Gespräch. «Sie hätte eigentlich sofort anrufen müssen», sagt der Polizist kopfschüttelnd und sucht auf dem Computer nach einer verfügbaren Patrouille. «Verdächtige Beobachtungen müssen sofort gemeldet werden. Eine Stunde später ist es einfach zu spät.»

Die Polizisten, die zusammen mit einem Rettungswagen zu der verletzten Person beordert worden sind, haben sich noch nicht gemeldet. «Sobald die Kollegen vor Ort sind, müssen sie uns eine Rückmeldung geben», sagt Meier und funkt die Polizisten an.

Ein Kollege nimmt den Funk entgegen, hält das Gespräch aber kurz. Er melde sich gleich. «Da wird irgendetwas los sein», sagt Meier. Und tatsächlich. Später wird auf dem Protokoll mit den abgeschlossenen und laufenden Fällen ersichtlich sein, dass es sich um eine Schlägerei gehandelt hat, bei der Personen verhaftet wurden.

Beim nächsten Anruf geht es wieder um das Asylbewerberzentrum. Die anrufende Person reklamiert, dass die Patrouille noch nicht eingetroffen sei. Meiers Kollege hat den Anruf entgegen genommen und bittet die Person um Geduld. Pro Polizeiregion – im Kanton St.Gallen sind es deren fünf – sind in der Regel drei Fahrzeuge unterwegs. «Manchmal müssen freie Patrouillen aus einer anderen Polizeiregion aushelfen. Man darf nicht erwarten, dass bereits nach fünf Minuten das Polizeifahrzeug eintrifft», erklärt der Schichtführer. Und mit Blaulicht fahre die Patrouille selten vor.

«Man darf nicht erwarten, dass bereits nach fünf Minuten das Polizeifahrzeug eintrifft.»

Feldweibel Thomas Meier

Von den 108 983 Notrufen, die im Jahr 2017 in der kantonalen Notrufzentrale eingangen waren, sind rund Drittel ernsthafte Notfälle. «Darum sprechen wir Polizisten lieber von einer Einsatzzentrale», sagt Meier schmunzelnd. Doch kommt ein richtiger Notfall herein, verlangt das von den Mitarbeitenden einiges ab. «Vorallem bei Fällen mit verletzten oder toten Kindern», sagt Meier nachdenklich, «die gehen sehr nahe». Wie er diese Fälle verarbeite? «Durch mein gutes Umfeld, meine Familie, meine Kollegen, mein Team.» Polizisten, die es wünschen, können sich auch psychologisch betreuen lassen. Es blinkt wieder grün auf dem Monitor. Der nächste Anrufer wartet.

©Melanie Graf

Ich empfehle des weiteren die Reportage über das Experiement der «saufenden Kinder»: Klick hier

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