Experiment
Experiment,  Gesellschaft

Alkohol: Kinder ungestört am Saufen

Jugendlichen ab 16 Jahren ist es erlaubt Bier zu trinken. Aber wie reagieren Passanten, wenn Kinder in der Öffentlichkeit Alkohol trinken? Mit einer Whisky-Flasche «abhängen»? Ein Test bringt Erschreckendes, aber nicht wirklich Überraschendes an den Tag.

Ein Nachmittag am belebten Bahnhof Wil (SG). Die Lockvögel Zoe, Lola, Ailina, und Larina (die Namen sind zum Schutz der Jugendlichen anonymisiert) sind zwischen 11 und 13 Jahre alt und «hängen» an diesem Nachmittag am Bahnhof ab. Sie haben Bierflaschen dabei. In den Flaschen befindet sich Rivella, aber das weiss niemand.

Die vier Mädchen haben sich neben dem Kiosk postiert. Sie sitzen auf einer Bank, spielen mit ihren Handy’s, lachen und trinken ihr «Bier». Ein Zug hält auf dem Gleis 1. Die Passagiere steigen aus, gehen mit schnellen Schritten an den Kindern und Jugendlichen vorbei. Keiner würdigt sie eines Blickes. Ein wenig später wechseln sie ihren Platz. Begeben sich auf das mittlere Perron, nehmen eine Bank in Beschlag. Viele Personen warten hier auf den Zug. Eine Frau blickt in Richtung der Mädchen. Sie stutzt. Sie wendet sich ab und sagt tuschelnd zu ihrer Begleiterin: «Hast du das gesehen, das glaub ich jetzt aber nicht. Trinken die Bier?». Angesprochen auf die Szene, sagt die Frau, dass sie vielleicht etwas unternommen hätte. Sie habe aber eigentlich kaum geglaubt, dass die Kinder wirklich echtes Bier trinken würden. Sie tut es als Provokation ab. Was in diesem Fall zutrifft.

Ortswechsel. Zoe, Lola, Ailina und Larina setzen sich auf die Treppe zur Unterführung. Zahlreich ziehen die Passanten vorbei. Ignorieren die Mädchen. Oder gaffen, sehen hin, sehen weg, drehen nochmals den Kopf, um sich danach wieder ihrem eigenen Alltag zu widmen. Eine ältere Frau nähert sich langsam. Vielleicht sagt sie etwas? Sie geht vorbei, als wären die Mädchen gar nicht da. Zeit, härteres Geschütz aufzufahren.

Die Jugendlichen reichen eine Flasche Jack Daniels herum. Darin befindet sich harmloser Rumpunsch-Sirup, welcher die gleiche Farbe wie der Whisky aufweist. Erst nach einer ganzen Weile bleibt ein Mann stehen, spricht die Mädchen an: «Ihr seid aber noch etwas jung für das», sagt er und zeigt auf die Flaschen. Er philosophiert vom Sinn des Lebens und fügt an, sie sollen doch lieber Sport treiben oder sich ein schönes Hobby zulegen, als da am Bahnhof rumzuhängen. Die Reporterin gibt sich zu erkennen. Der Mann ist sichtlich erleichtert.

Die vier Mädchen haben Platz auf einer Bank auf dem Perron zum Gleis 1 genommen. Der Zug aus St. Gallen fährt ein. Nachdem die Passagiere verschwunden sind, bleiben zwei Kontrolleure der SBB auf dem Bahnsteig stehen. Sie Sehen hin und sprechen miteinander. Der eine Kontrolleur zückt sein Telefon. Es ist Zeit, die beiden Männer über den Test aufzuklären. «Er hätte eben gerade die Polizei informieren wollen», sagt der eine Kontrolleur und weist auf seinen Kollegen. «Weil die Jugendlichen noch so jung sind», begründet dieser. Leider käme es sehr oft vor, dass Jugendliche hier rumhängen und saufen, stellen sie fest. «Vor allem am Wochenende.»

Auf dem Busbahnhof herrscht reger Betrieb. Viele Menschen warten auf ihren Bus. Ein Abfallsammler sammelt Zigarettenstummel ein und berührt beinahe mit seiner Greifzange die Bierflasche, die vor den Mädchen am Boden steht. Er lacht nur. Ein älterer Mann sitzt auf der Bank neben den Jugendlichen, raucht eine Zigarette. Eine Gruppe junger Leute, die neben dem Kiosk steht, beobachtet das Geschehen. Als sie angesprochen und gefragt werden, ob sie etwas unternehmen würden, sagt ein junger Mann: «Uns geht das nichts an.»

Nach etwa mehr als einer Stunde wird der Test beendet. Das Fazit der Lockvögel: Sie sind erstaunt darüber, dass fast niemand eingegriffen und sie vom «alkoholtrinken» abgehalten habe.

Ein weiteres Experiment? Wie wärs mit einem Zuckerentzug? Das Leben ist (zu) süss

 © Melanie Graf

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