Reiten im Damensattel
Reportage,  Tiere

Reiten mit Anmut und Eleganz

Er scheint ein Relikt aus der Vergangenheit und doch findet er immer neue Fans: der Damensattel. Auch Claudia Brühlmann aus dem thurgauischen Andwil mag es so zu reiten, insbesondere für die klassische Dressur.

Anmutig, wie einst die Österreichische Kaiserin Sissi in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sitzt Claudia Brühlmann seitlich im Damensitz auf ihrer Knabstrupper-Stute Prada. Der lange Rock ihres Barockkostüms verdeckt ihre Beine und einen Teil des Bauchs des Fuchstigerschecken. Der linke Fuss liegt im Steigbügel auf,  das rechte Bein befindet sich unter dem Rock, im Verborgenen abgestützt auf einem Horn des Sattels. Sie trägt einen Hut und weisse Handschuhe. Ihr Oberkörper ist zum Kopf des Pferdes hingewandt. Sie hält die Zügel mit beiden Händen, in der rechten hält sie zusätzlich eine Gerte. 

Mit dem linken Fuss und mit der Gerte gibt sie dem Pferd kaum merkliche Anweisungen. Es beginnt sich an Ort und Stelle trabartig zu bewegen. Die Piaffe ist eine Übung aus der klassischen Dressur. Im normalen «Männersattel» schon eine grosse Herausforderung.  Claudia Brühlmann mag Herausforderungen und das Reiten im Damensattel. Dieser erfreut sich wachsender Beliebtheit – im In- und Ausland. 2007 wurde der Damensattel-Verein Schweiz gegründet. Heute zählt er 51 Mitglieder. Auch Claudia Brühlmann ist aktives Mitglied im Verein.  

Claudia Brühlmann reitet seit ihrem achten Lebensjahr. Im Herrensitz wohlgemerkt. Ihre Welt dreht sich bis heute um Pferde. Sie hat eine Ausbildung als Medizinische Praxisassistentin gemacht und hat als Betreuerin für geistig behinderte Menschen gearbeitet. «Da Tiere therapeutisch eine positive Wirkung auf Menschen haben und Pferde schon immer mein Hobby waren, habe ich die Ausbildung in der Schweizer Gruppe Therapeutisches Reiten begonnen», erzählt die 47-Jährige. Seit Anfangs 2004 sei sie  Reittherapeutin. «Ich arbeite mit meinen eigenen Pferden in einem Heim mit geistig- und körperlich behinderten Kindern und bin Pferdeführerin für Hippotherapie.»

«Auf dem Bild war ein geschecktes Maultier unter einem Damensattel. Das hat ich fasziniert.»

Claudia Brühlmann

Das Interesse für das Reiten im Damensattel begann mit einem Bild eines Maultiers. Claudia Brühlmann lacht. «Tatsächlich, auf dem Bild war ein geschecktes Maultier unter einem Damensattel. Das Bild hat mich so sehr fasziniert.  Tier und Reiterin sahen so elegant aus, dass ich den Damensattel auch ausprobieren wollte.» Für ihre Hochzeit mit André im Jahr 2003, lieh sie sich einen Damensattel. Sie zeigt ein Foto von ihrer Hochzeit. Darauf sitzt die Braut in einem Damensattel auf einem Mazedonierpony. Ihr Mann André reitet auf einem Noriker. Seit diesem Tag hat sie das Reiten im Damensitz nicht mehr losgelassen. 

Zu der Zeit besassen Brühlmanns zwei Mazedonierponies und den Noriker. «Doch für meinen Mann André waren die Mazedonier zu klein und der Noriker zu langsam», sagt Claudia Brühlmann schmunzelnd. Auf der Suche nach einer geeigneten Pferderasse  stiess sie auf die dänischen Knabstrupper. Vielen wird das Pferd aus Pippi-Langstrumpf noch in Erinnerung sein. Kleiner Onkel war allerdings kein echter Tigerschecke, sondern ein Schimmel mit aufgemalten Punkten.

Claudia Brühlmann züchtet Knabstrupper – Tigerschecken und einfarbige.

Wie Friesen, Lusitanos oder Lippizaner zählen Knabstrupper zu den Barockpferderassen. Die Rasse schien perfekt für die Reittherapie und das Reiten im Damensattel. In Deutschland fand sie ein Gestüt, das ihr einen dreijährigen Hengst verkaufte. So kam Mikado von Kobold 2004 zu Brühlmanns. Seither züchtet die Familie Knabstrupper, einfarbige und Tigerschecken. Acht Tiere sind nun auf dem Gestüt Guggenbühl zuhause und werden von der ganzen Familie umsorgt. Claudia und André Brühlmann haben zwei Kinder im Alter von 14 und 16 Jahren.

Unter dem geliehen Damensattel lief Hengst Mikado perfekt. Sie kaufte sich einen eigenen Sattel, besorgte sich Kostüme und nahm an Turnieren teil. Kostüme sind rar. «Man schneidert sie selbst, findet sie auf Auktionsplattformen oder über Aufrufe auf Facebook», weiss Claudia Brühlmann. Das Barockkostüm ist für die Show. Für die Pflichtdisziplinen trägt sie einen Reithabit. Das Kostüm besteht aus Zylinder, schwarzem geteiltem Rock,  schwarzem Jackett, gelber Weste und einem weissen Seidenplastron. Der Rock des Habits ist nur vorne lang. Hinten ist er um einiges kürzer und mit Knöpfen verschliessbar. «Das dient der Sicherheit», sagt Claudia Brühlmann, «so bleiben die Reiterinnen bei einem Sturz nicht im Sattel hängen.»

«Mikado starb vor drei Jahren. Sollte ich aufhören oder weitermachen?»

Claudia Brühlmann

Mit Mikado hat Claudia Brühlmann viel erlebt. Wenn sie von ihm spricht, schwingt Wehmut und Trauer  in der Stimme mit. Vor drei Jahren starb der Hengst unerwartet. Sie verstaute den Damensattel und die Kostüme und haderte. «Sollte ich aufhören oder weitermachen?», habe sie sich gefragt.  Sie machte weiter. Diesen Frühling nahm sie Mikados Tochter, Prada von Guggenbühl, unter den Sattel.  Die 10-jährige gekörte Zuchtstute zeigte sich als geeignet. Sie ist zwar noch frisch in der «Damensattel-Ausbildung» aber es zeichnen sich bereits Erfolge ab. 

Nicht jedem Pferd ist ein Damensattel zuzutrauen, denn dieser ist nicht nur für die Reiterin eine Herausforderung. Die Gewichtverteilung ist anders als bei einem Herrensattel und erfordert für Pferd und Reiter ein gutes Gleichgewicht. 

«Ebenso wichtig ist, dass das Pferd auf die Stimme hört», sagt sie. Ein Pferd müsse brav sein und einen ausgeglichenen Charakter haben, dass sei eine wichtige Voraussetzung. Auch muss das Pferd auf Gewichtshilfen (Gewichtsverlagerung des Reiters) reagieren. Der Knabstrupper erfülle die Voraussetzungen, schwärmt die Züchterin. Die Rasse sei ausgeglichen, gelehrig, umgänglich, ehrgeizig und sehr menschenbezogen.

Kostümwechsel: Claudia Brühlmann hat den Habit angezogen und steigt nochmals aufs Pferd. Für den Aufstieg auf den Sattel ist man auf Hilfe angewiesen. Entweder hilft eine zweite Person der Reiterin mit einer Räuberleiter aufs Pferd, oder sie verwendet eine kleine Treppe. Claudia Brühlmann bevorzugt Letzteres. Ihre Stute bleibt beim Aufstieg ruhig und geduldig stehen. Dann verlangt sie von Prada noch ein paar Übungen ab. 

Für die Pflichtdisziplinen trägt Claudia Brühlmann einen Reithabit.

Claudia Brühlmann hat sich der Dressur verschrieben. Springen kommt für sie nicht in Frage. Es sei ihr zu gefährlich, gibt sie zu. Dass es aber möglich ist, in einem Damensattel über hohe Hindernisse zu springen, bewies im Oktober 2013 die Irin Susan Oaks. Sie knackte mit 2, 03 Metern den Weltrekord. Zum Vergleich: Im Herrensattel liegt der Rekord bei 2,45 Metern (1993).

Verdienter Weidegang. Die Pferde galoppieren freudig über die Wiese.
 

Die Show ist vorbei. Claudia Brühlmann sattelt die Stute ab, zieht ihr wieder die Halfter über und führt sie zu den anderen Pferden in den Freilaufstall. Die Tiere scheinen zu spüren, was nun bevorsteht. Claudia Brühlmann öffnet das Tor zur Weide. Prada, die anderen Knabstrupperstuten und ihre Fohlen und ein Mazedonierpony galoppieren voller Freude über die Wiese.

www.therapiereiten-knabstrupper.ch

Geschichte des Damensattels:

Damensättel gibt es seit dem 12. Jahrhundert. Die Königsgemahlin von Richard II. von England, Anna von Böhmen,  ritt im 13. Jahrhundert auf einem Seitensattel. Im 14. Jahrhundert war es die einzige sittlich und moralisch korrekte Art für Frauen, sich auf dem Pferderücken fortzubewegen. Sissi (1837 bis 1898, Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Ungarn) machte das Reiten im Damensattel populär. Sie galt als eine der berühmtesten Jagdreiterinnen ihrer Zeit. meg.

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