Schellenriemen
Landwirtschaft,  Reportage

Von der Kuh zum Schellenriemen

Bis einer Kuh den Glockenriemen umgehängt werden kann, dauert es. Das Leder für den Schellenriemen durchläuft einen langen Prozess, der im Kuhstall beginnt. Jeder, der mit der Kuhhaut zu tun hat, trägt zur Qualität des Leders bei. Oder kann Schaden anrichten.

In der Werkstatt von Thomas Rütsche in Ebnat-Kappel riecht es nach Holz und Leder. Der Boden knarrt unter den Schritten. Ein alter Holzofen verströmt angenehme Wärme. Ledernähmaschinen stehen auf einer Seite des Raumes. An einer Wand hängen Kantenzieher, Ryffelhölzer, Zangen, Aalen und Halbmonde. Auf einer Werkbank liegen Ziseliereisen und Punsen für die Bearbeitung von Messing. Rütsche ist Sennensattler. Er hat sich vor fast 30 Jahren der Sennensattlerei verschrieben. Bevor man in Rütsches Werkstatt gelangt, geht’s durch das Lädeli. Dort hängen unzählige Lederriemen, Glocken, Chueligürtel, Hundehalsbänder, Hosenträger und Senntumsschellen – ein Stück Tradition zum Anfassen. Eine Tradition, die, so vermutet Rütsche, von Fahrenden ums Jahr 1750 ins Toggenburg und ins Appenzellische gebracht worden war. Mit dieser Tradition und dem Stolz der Bauern wurde auch dem Leder immer grössere Beachtung geschenkt. Das Leder selbst, hat seine eigene Geschichte. Das Verarbeiten von Tierprodukten ist eine der ältesten Tätigkeiten des Menschen. Neben Fleisch und Knochen waren es die Häute und Felle der Jagdbeute, welche unsere Vorfahren benötigten, um sich ihr Überleben zu sichern. Es gibt wohl kein Material, dass mit Leder vergleichbar wäre. Leder ist zäh, robust und natürlich und steht für Echtheit und Beständigkeit. Die Tierhäute sind nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Sie werden für Schuhe, Autositze, Möbel, Taschen, Kleider, Gürtel, Stierenhalftern, Schellenriemen und vieles mehr verarbeitet.

Rund 200 Senntumsschellenriemen hat Rütsche hergestellt. Die Steppen in den Riemen sind aus farbigem Ziegenpergament, ebenfalls Tierhaut. Auf seinem Nährössli sitzend, flechtet der Sattler die Steppen in die Riemen. Die Glockenriemenfransen werden später zwischen das obere verzierte, und das am Hals der Kuh liegenden Lederstück eingenäht. Das Anbringen der ziselierten Messingbeschläge bildet den Abschluss. Sennensattler Rütsche verarbeitet drei bis sechs Millimeter dicke Rinder- und Bullenhäute. Leder, unverfälscht und ohne Narbenprägung sagt er, Leder, meist und wenn immer möglich von Schweizer Kühen. Das Leder kauft Rütsche beim Gerber seines Vertrauens im Berner Oberland ein. Ein Gerber, der gemäss seinen Wünschen, die Haut ungespaltenen gerbe, damit sie die original Dicke behalte. Doch nicht jede Kuhhaut ist dazu geeignet, später als Glockenriemen oder Gürtel für die Nageltasche verarbeitet zu werden. «Die Haut der Brownsuisse ist dünner», weiss Rütsche und fügt an: «Das Leder von Originalbraunen oder Simmentaler ist besser für diesen Zweck». Doch auch die Häute von Brownsuisse-Kühen finden Abnehmer.

Die Centravo in Lyss ist die zentrale Sammel- und Vermarktungsorganisation für alle Häute und Felle aus der ganzen Schweiz. Das Unternehmen vermarktet den Rohstoff. Rund 90 Prozent der Ware wird in den EU-Raum exportiert. Jährlich werden in der Centravo 800’000 Stück Häute und Felle, mit einem Gesamtgewicht von 15’000 Tonnen für die Lederproduktion verarbeitet. Die Firma Hofstetter AG in Flawil kauft Häute in der Schweiz und in Europa, veredelt sie, handelt damit oder lässt im hauseigenen Atelier Mäntel und Jacken aus Leder und Pelzen herstellen. Diese verkauft die Firma in ihrer Boutique in Flawil. Einwandfreier Rohstoff ist sehr gefragt. Für Qualität sorgt auch der Bauer. «Es gibt Schäden, bei denen der Produzent, also der Tierhalter nichts dafür kann», sagt Marcel Hofstetter, und nennt als Beispiel Naturgegebene Schäden, die durch Räude oder Flechten, oder durch die Dasselfliege verursacht wurden. Hornstösse, Verletzungen durch Stacheldraht oder Schläge, hinterlassen ihre Spuren. «Durch Drallen und Dungschäden gibt es Narbenschäden. Das sieht auf dem fertigen Leder so aus, als hätte jemand mit Schleifpapier daran geschliffen», sagt Hofstetter und fügt an, dass auch der Metzger aufpassen müsse, denn dieser könne auch viel kaputt machen.

Der Metzger weiss natürlich um den Wert der Tierhaut. Wie häutet er also? Ein kleiner Augenschein: Im Schlachthäuschen der Buremetzgerei Fischbacher in Lütisburg Station herrscht reger Betrieb. Es ist Schlachttag. Eine Handvoll Metzger arbeitet im, mit Dampf erfüllten Raum. Der Boden ist nass, zahlreiche Schlachtkörper hängen an Haken. Ein, für das Häuten bestimmter Mechanismus hängt an der Decke. Der Hautabroller. Dabei werden je zwei dünne Ketten an der Seite des Tieres befestigt. Die Ketten werden an der Decke aufgerollt und mit Zugkraft wird dem am Haken hängenden Körper die Haut abgezogen. Zuvor wird das Fell von der Seite her vorsichtig mit einem Messer ein Stück weit angelöst.

«Fehlerfreie Häute gehen ins Top-Segment. Es sind in der Regel Bullenhäute oder Häute von grossen Kühen die für die Möbel oder Automobilindustrie verwendet werden», sagt Marcel Hofstetter. Er prüft und sortiert die Rohware bei Eingang. In der Verarbeitungshalle breitet er jedes Fell auf einem grossen Tisch aus und achtet auf die Vorhandene Substanz des zukünftigen Leders. Mit einem scharfen Messer schneidet er ab, was nicht zum Leder oder zum Pelz verarbeitet werden kann – Fleisch und Knochenstücke. Um den organischen Zerfall aufzuhalten werden die Häute dann gekühlt und mit Salz oder Eis konserviert. Häute und Felle von kleineren Tieren können auch durch Luft getrocknet werden. Mit viel Handarbeit, Überwachung der maschinellen Verarbeitung, mineralische Gerbstoffen und chemischen Prozessen erreicht man Haltbarkeit, Färbung, die gewünschte Härte. Leder und Pelze durchlaufen ähnliche Prozesse. Pelze werden jedoch von Kürschner verarbeitet, während das Leder den Weg zum Sattler findet.

© Melanie Graf

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